28. September 2020

Medi-Tapes – Bunte Pflaster mit großer Wirkung

Bunte Pflasterstreifen an den Körpern von Hochleistungssportlern gehören heutzutage mit ins Bild. Dabei handelt es sich weder um eine flippige Wundversorgung noch um einen modischen Trend. Die farbigen Tapes, so genannte Medi-Tapes, sind therapeutische Werkzeuge aus der Hand fortschrittlicher Sportmediziner.

Dass sie sich auch in der Rehabilitation von orthopädischen Erkrankungen und chronischen Schmerzerkrankungen wirksam einsetzen lassen, wird seit mehr als zehn Jahren in der Paracelsus-Klinik Am Schillergarten in Bad Elster bewiesen. Damals waren die Orthopäden der Reha-Klinik in der deutschen Reha-Landschaft Vorreiter bei der Anwendung der farbigen Spezialverbände, wenn auch die Methode bereits vor über 40 Jahren in Japan entwickelt wurde und in modifizierter Weise Anfang der 1990er Jahre über die Benelux-Staaten nach Europa kam.

Was bewirkt das Medi-Taping?

Das Medi-Taping ist eine medikamentenfreie Therapie, um Menschen mit akuten oder chronischen Schmerzen und Bewegungseinschränkungen zu behandeln. Mit Hilfe der elastischen Baumwolltapes können verkrampfte oder verkürzte Muskeln und Muskelgruppen entlastetet werden. Im Unterschied zu „normalen“ weißen Tapeverbänden stabilisieren die farbigen Tapes nicht, sondern verbessern in bestimmter Zugrichtung und Spannung dauerhaft die Durchblutung und den Lymphabfluss, sodass vor allem verspannte Muskeln in ihren ursprünglichen Zustand zurückgelangen können. Neben der richtigen und anatomisch genau definierten Anlage der Tapes trägt auch die Auswahl der richtigen Farbe zur Wirksamkeit der Therapie bei. Die von Dr. Sielmann hierzulande weiterentwickelte Methode des Medi-Tapings nutzt die Wirkung von Farbwellen, um eine jeweils unterschiedliche Wirkung auf Muskeln und damit auf den gesamten Halteapparat zu erzielen.

Dr. Uwe Willmann, Chefarzt der Abteilung Orthopädische Rehabilitation der Paracelsus-Klinik Bad Elster ist früh auf das Medi-Taping aufmerksam geworden. Im Interview erklärt er, welchen Patienten das Medi-Taping helfen kann, was es mit den Farben auf sich hat und wie er diese Methode vor vielen Jahren für die orthopädische Rehabilitation entdeckt hat.

Wen behandeln Sie in der Klinik mit den farbigen Tapes?

Im Grunde ist die Methode für jeden Patienten geeignet, der muskuläre Probleme und dadurch oft starke Schmerzen hat. So sehen wir beispielsweise bei Patienten nach künstlichem Hüftgelenkersatz sehr häufig chronische Verkürzungen oder Verspannungen der Muskulatur, die nach Anlage der speziellen Medi-Tape-Verbände wesentlich effektiver therapierbar sind. Medi-Tapes schaffen dabei eine sehr gute Voraussetzung, um anschließend ein gezieltes Training absolvieren zu können. Oft ermöglicht erst eine solche Balancierung der Muskelspannung ein Muskel-Aufbautraining, das dauerhafte Beschwerden vermeidet. Strukturelle Schädigungen, wie Gelenkverschleiß oder ein Bandscheibenvorfall kann man mit diesem Tape natürlich nicht wieder zur Regeneration bringen. Allerdings können nicht nur die Auswirkungen des Gelenkverschleißes – Muskelverspannungen und Gelenkreizzustände –durch geeignete Tapeanlage deutlich reduziert werden. Durch die muskuläre Balancierung der Gelenkstabilisatoren kann auch die ungleiche Druckbelastung der Gelenkflächen (wesentliche Ursache des Verschleißes) reduziert und damit das Arthrosegeschehen zumindest verlangsamt werden. An der Wirbelsäule ist ohnehin der überwiegende Teil der Beschwerden nicht durch den Bandscheibenvorfall selbst, sondern durch muskuläre Ungleichgewichte oder Wirbelgelenkfehlstellungen bedingt, die sich sehr gut mit dem Tape behandeln lassen. Auch Leistungssportler, die wir an unserer Klinik ebenfalls behandeln, profitieren sehr von der Methode; viele kennen die Methode natürlich schon aus ihrem Alltag als Sportler. Das Medi-Taping ist aus unserer Sicht ein sehr viel effektiveres Vorgehen, als stärkere schmerz- und muskelentspannende Medikamente einzusetzen.

Wie haben Sie das Medi-Taping als effektive Therapiemethode entdeckt?

2004 hospitierte ich bei einem befreundeten Kollegen, damals Mannschaftsarzt von Schalke 04, die ich selbst Anfang der Neunziger Jahre sportmedizinisch mitbetreute. Die Profifußballer nutzten schon damals Medi-Tapes. Das wollte ich mir näher ansehen, um diese völlig nebenwirkungsfreie Methode auf seine Anwendbarkeit in der orthopädischen Rehabilitation zu überprüfen. Also erlernte ich die Methode und organisierte in der Folge Ausbildungsseminare bei uns in der Klinik mit Dr. Sielmann, der in Deutschland die Methode weiterentwickelt hat. Mittlerweile bilden wir hier in Bad Elster selbst aus.

Wie müssen wir uns die Wirkweise des Medi-Tapes vorstellen?

Die Tape-Streifen werden in bestimmter Ausrichtung und Zugstärke im Bereich von Muskelansatz/-verlauf oder an Gelenk- oder Wirbelsäulenpunkten in spezieller Technik angelegt. Meistens gilt es, muskuläre Verspannungen zu lösen, es kann aber auch eine Muskelstimulation erfolgen. Außerdem regen die Tapes Pumpeffekte an, sie wirken wie eine Massage, Durchblutung und Lymphabfluss verbessern sich.

Was hat es mit den verschiedenen Farben auf sich?

Als zwei Hauptgruppen wären die blautönigen und die rotfarbigen Tapes zu benennen. Nach der Farblehre sind die rottönigen Energie-/Wärme-zuführend, die blautönigen eher kühlend oder Spannung abbauend. Es geht also um die „richtige“ Farbe bei der Auswahl des Tapes. Am Anfang stand unser Orthopädieteam dieser Wirkung durch Farbe schon kritisch gegenüber. Wir haben das für uns noch einmal gründlich überprüft, indem wir wirkstofffreie, neutrale Tapes verwendet haben. Und es stellte sich heraus: Bei nicht optimaler Farbwahl trat nur in geringem Maß eine Besserung der Beschwerdesymptomatik ein, während bei „richtiger Farbwahl“ eine Erfolgsquote von ca. 90% eintrat. Damit waren auch nüchtern funktionell denkende Orthopäden schnell überzeugt.

Neuerdings kann man die Tapes – übrigens auch in verschiedenen Farben – bei Discountern erwerben. Kann man sich so auch selbst behandeln?

Als Laie werden Sie ein Tape wahrscheinlich nach der „Dawos-Methode“ (da wo es wehtut) anwenden. Da in der Muskulatur besonders sogenannte Triggerpunkte schmerzen, sind mit der Laienmethode eher nur gewisse Grundeffekte zu erzielen. Bei einer optimalen Anwendung berücksichtigen wir viele biomechanische und anatomische Aspekte, so dass die gewünschten Zugkräfte wirksam werden können. Tapeverbände können und sollten über mehrere Wochen angelegt bleiben, man sollte diese Spezialverbände also vom „Profi“ kleben lassen.

Sind Tapeverbände als alleinige Therapie sinnvoll und ausreichend?

Bei akuten muskulären Problemen reicht in der Tat häufig die einmalige und alleinige Tapeanwendung. Wir nutzen diese Klebeverbände jedoch überwiegend bei chronischen Beschwerden als Hilfe zur Selbsthilfe. Durch eine Balancierung der Muskelspannung reduzieren wir Schmerzen und ermöglichen so dem Patienten, ein gezieltes Muskelaufbautrainings durchzuführen. Dauerhaft umgesetzt, ist ein solches Training die beste Vorbeugung gegen Folgebeschwerden und vor allem strukturelle Schäden.