Patienten-Umfrage
29. November 2021

Endlich durchschnaufen! Nach allem, was war!

“Ich hab noch Leben” – Mit diesem authentischen Blog zum Thema Krebs, teilweise von Patientinnen und Patienten selbst aufgeschrieben, möchten wir Mut machen und verschiedene Wege zurück ins Leben aufzeigen. Denn eines haben wir von den Betroffenen gelernt: Das Leben ist immer lebenswert.
Diese Geschichte ist eine von vielen unserer onkologischen Patientinnen und Patienten. Weitere Geschichten haben wir hier im Menü für Sie verlinkt. Schauen Sie rein. Jede einzelne geht ans Herz!


Silvia Schmächtig, 52 Jahre alt

Endlich durchschnaufen! Nach allem, was war! Mein Brustkrebs war dabei nicht das Schlimmste

Ich mach es wieder

Ja, nächstes Jahr kommt sie wieder. Mit einer Freundin, die sie in Bad Elster kennengelernt hat. „Ja, ich mach´s nochmal, ich will hier noch einmal hin, in der Reha durchschnaufen!“ Dabei lacht sie über beide Ohren. Das erste Mal. In unserem Gespräch mit ihr, mit Silvia Schmächtig, die über ihre schwere Zeit seit März berichtet. Offen, klar und ungeschminkt. Puuh, was die 52-Jährige aus Schirgiswalde bei Bautzen erlebt hat, das geht auf keine Kuhhaut. Und doch lacht sie, kommt klar und hat Pläne.

Ich habe es geahnt

Den ersten Vorsorgebus verpasst sie. Silvia Schmächtig ist ein Sommerkind, im Juni geboren. So ist sie 51 Jahre alt, als sie im März im Röntgenbus in sächsischen Wilthen ihre erste Mammografie erlebt. Denn der Bus kommt immer nur am Anfang des Jahres. Nachher wird ihr gesagt, sie solle etwas abklären lassen. Darüber ist sie nicht verwundert, sie hatte schon so eine Vorahnung. Einen Termin bekommt sie in Pirna am 23. März 2021, zur zweiten Mammografie, Ultraschall und dann Biopsie.

Alleine

„Ja, alleine war ich, ganz alleine.“ Sie hat niemandem davon erzählt, dass der minikleine Knoten in der rechten Brust ein bösartiger Tumor ist. Sie kann mit niemandem darüber sprechen. Ihre Kinder haben ihren Vater an Krebs vor 10 Jahren verloren. Ihr Vater hat große Angst, seine Frau, ihre Mutti an die tückische Krankheit zu verlieren. Seit Jahren ist sie krank, aber plötzlich in diesem März, rutscht sie in eine Krise, ist von jetzt auf gleich sterbenskrank. Sie stirbt am 26. März im Alter von 79 Jahren. 3 Tage später weiß Silvia Schmächtig, dass sie Brustkrebs hat. Sie macht es erst einmal mit sich alleine aus, wartet die Beerdigung ihrer Mama ab. Dann fängt sie an, sich (ein ganz kleines bisschen) um sich selbst zu kümmern.

Nur noch funktioniert

Lange hat sie nur funktioniert. Ihr Sohn ist 17. Ihr Enkelsohn 10. Ja, das geht. Sie sagt, das sei eine typische Ostgeschichte: Ihre Tochter hat sie mit 20 bekommen, fast ein bisschen spät damals in der DDR. Dann kam die Wende, das neue System, der Wunsch nach Nummer Zwei blieb lange auf der Strecke. Mit 35 kam ihr Sohn auf die Welt. Um ihn, um ihren Vater musste sie sich jetzt – trotz eigener Krankheit – kümmern Und um ihre neue Arbeit. Denn kurz vorher hatte sie mit Erfolg und mit 50 Jahren (!) eine Umschulung abgeschlossen, von der Floristin zur Sachbearbeiterin. [By the way: Ihre Chefin und beste Freundin, bei der sie lange und gerne gearbeitet hatte, musste leider krankheitsbedingt – sie hatte Krebs – ihren geliebten Blumenladen schließen. Zum Glück geht’s ihr besser.] Die Zeit bis zur Reha, die OP in Radebeul, die sechs Wochen Bestrahlung, die sind einfach so gewesen. Vergangen. Irgendwie. Ja irgendwie.

Glück, Familie und Freunde

Trotzdem, so sagt sie, hat sie ja auch Glück gehabt. Bei allem. Denn ihre Erkrankung, ihr Brustkrebs sei nicht gefährlich. G1, so lautete der Befund. Kein aggressiver Tumor. Klein, begrenzt. Der Knoten war gut zu operieren, ihre rechte Brust hat eine kleine Narbe. Damit kommt sie gut klar. Ja, allein die Krebserkrankung war es nicht. Die Zeit war schlimm, weil Alles zusammenkam, das ganze Drumherum. Der große Verlust ihrer Mutter, die Sorge um ihre Kinder, ihren Vater, das war das Schlimmste. Silvia Schmächtig liebt ihre Familie, ihre Familie liebt sie. Ihr Vater, ihre kleine Familie, ihre beiden großen Brüder mit ihren Familien – sie sind ihr Anker, ihr Trost. Genauso wie ihre Freunde. Heute, immer, in all den fürchterlichen Monaten. Sie alle halten zusammen, helfen ihr, unterstützen sie, sind für sie da. Mit ihnen kann sie sein, ihnen vertraut sie sich an. Mit ihrem Sohn und Freunden ist sie kurz vor der Reha in Berlin, mit ihrem Bruder nachher an der Ostsee. Das sind für sie Auszeiten, Zeit zum Durchatmen, zum Kraft schöpfen.

Das erste Mal ohne Familie

Nach Bad Elster kommt sie im August. 250 Kilometer von Zuhause entfernt. Das erste Mal in ihren Leben ist sie fast drei Wochen lang ohne ihre Kinder, ohne ihre Familie. „Damit hatte ich erst mal tüchtig zu tun.“ Aber die tollen Ärzte, Pflege, Therapeuten, alle dort, das Haus, die Natur haben geholfen. Anzukommen und ein kleines bisschen Ruhe zu finden. Endlich, nach all der Zeit, einmal umsorgt zu werden, das hat ihr gutgetan, so gutgetan! Viel Bewegung, Sport, Draußensein, wieder zu sich finden, Kondition aufbauen, Kraft schöpfen. Ja, all das war gut. Anschluss hat sie schnell gefunden, mit zwei Frauen ist sie heute noch eng in Kontakt. Mit einer hat sie sich für ihr zweites Mal auch schon verabredet. Sie freut sich darauf und lacht noch einmal!