29. Juni 2022

„Wenn der Tumor draußen ist, geht es im Kopf erst richtig los“

“Ich hab noch Leben” – Mit diesem authentischen Blog zum Thema Krebs, teilweise von Patientinnen und Patienten selbst aufgeschrieben, möchten wir Mut machen und verschiedene Wege zurück ins Leben aufzeigen. Denn eines haben wir von den Betroffenen gelernt: Das Leben ist immer lebenswert.

Diese Geschichte ist von einer Mitarbeiterin der Paracelsus Klinik am See in Bad Gandersheim. Weitere Geschichten haben wir hier im Menü für Sie verlinkt. Schauen Sie rein. Jede einzelne geht ans Herz!


Marion Bergmann, 59 Jahre alt, Mitarbeiterin in der Paracelsus Klinik am See in Bad Gandersheim, erkrankte vor fünf Jahren selbst an Brustkrebs und kommt mit neuen Erfahrungen zurück an ihren Arbeitsplatz

Eine andere Welt

Marion Bergmann war auf die Diagnose des Brustkrebses nicht gefasst gewesen. Wie sollte sie auch, schließlich war sie vor kurzem noch bei ihrer Gynäkologin zur Krebsvorsorge, ließ sich die Brust abtasten und alles schien in Ordnung zu sein. Zwei Wochen später war die Welt eine andere. Sie ging zur Mammographie. Freiwillig und völlig unbefangen. „Ich bin nicht gut im Warten,“ erzählt sie. Die Zeit des Wartens auf den Befund bestätigte dies. Die Tage zogen sich in die Länge wie eine Ewigkeit. In den vergangenen Jahren hatte Marion nicht länger als drei Tage auf einen Bescheid warten müssen. Doch diesmal war es anders. Sie erinnert sich noch ganz genau. Am 1. Februar 2017 traf nach acht langen Tagen der Brief ein. Ihr wurde mittgeteilt, dass eine Auffälligkeit im Brustbereich entdeckt wurde. „Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte,“ erzählt sie. Es gab einen Hauptgedanken, der sie am meisten innerlich quälte: „Wie erzähle ich es meinen Töchtern ohne, dass eine Welt für uns zusammenbricht?“ Aber Marions Familie ist stark und der Zusammenhalt außergewöhnlich. Viele Tränen sind geflossen, doch zusammen haben sie die Diagnosestellung durchgestanden.

Warum ist dieser Tumor gewachsen?

Nach weiteren Arztgesprächen stand fest: Brustkrebs, mittlerer Stufe. Marion würde operiert werden. Ihre ältere Tochter begleitete sie, während eines wichtigen Arztgesprächs. „Ich habe so viel geweint,“ erinnert sich Marion. „Ich war gar nicht in der Lage zu sprechen oder Fragen zu stellen. Mein Herz raste und mir wurde schwindelig.“ Der Arzt hatte versucht sie zu beruhigen. „Ich war so froh, dass meine Tochter an meiner Seite war. Meine Tochter hat für mich gesprochen. Sie hat die Fragen gestellt, die ich hätte stellen sollen.“ Anfangs nennt Marion den Knoten in ihrer Brust „das Ding“. Das Wort Krebs bekommt sie nicht über die Lippen. Sie fragt sich: Warum ist dieser Tumor gewachsen? Niemand konnte ihr darauf eine Antwort geben. Es gab keine medizinische Begründung. Darum hatte sich die Niedersächsin selbst eine Antwort geben müssen. Sie schob es auf Bewegungsmangel und schlechte Ernährung. Das musste nicht der Grund für die Erkrankung sein, jedoch erleichterte es ihr den Einstieg in die Krebstherapie.

Die Operation des Tumors erfolgte noch im Februar. Darauf folgte eine 6-wöchige Strahlentherapie in einer Klinik in Bayern. Erschöpft, kraftlos und traurig von den anstrengenden Wochen und Monaten, die hinter ihr lagen, ging es für Marion im Juni zur Anschluss Reha in die Paracelsus Klinik Scheidegg. Der Beginn der Reha war nicht einfach. An jeder Ecke überrollten sie Gedanken und Gefühle. Hier war sie gezwungen, sich mit ihrer Krebserkrankung und ihrer eigenen körperlichen Befassung auseinanderzusetzen. Die Sorge um ihre Töchter stellte mitunter die Sorge um sich selbst immer wieder in den Schatten. Aber was eines Abends auf der Tanzfläche passierte, sollte wie ein Weckruf sein und prägt sie bis heute.

Auf der Tanzfläche bin ich erblüht

Während ihrer Reha war sie mit Mitpatienten tanzen. Die Bewegungen der ersten Leute auf der Fläche waren für Marion ein Startschuss. Sie zog ihre Schuhe aus, schloss sich den anderen an und begann zu tanzen. In ihrem Bauch vibrierte der Bass der Musik, er wurde immer schneller und Marion tanzte so intensiv, dass sie inmitten des Taumelns realisierte: es kann wieder alles gut werden. „Mein Glück schlummert noch in mir. Es ist noch da. In diesem Moment wusste ich, es wird alles wieder gut,“ lächelt sie.

Sorge um die Rückkehr an den Arbeitsplatz

Vor der Diagnose war Marion ein sehr erfüllter Mensch. Sie liebte das Tanzen und ihre Zeit, mit ihrer Familie und engen Freunden zu verbringen. Sie war glücklich mit ihrem Job als Empfangsmitarbeiterin in der Paracelsus Klinik am See, einer onkologischen Rehaklinik in Bad Gandersheim. Der Krebs änderte alles. Die Erfülltheit war verschwunden. „Ich war furchtbar traurig, dass dieses Glücksgefühl weg war,“ beschreibt sie. Es schien, als sei dieser besondere Teil ihres Inneren durch die Erkrankung verschwunden. Gleichzeitig war da diese Angst. Angst wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Täglich umgeben von Krebspatienten. Marion erinnert sich an ein Abschlussgespräch mit dem Chefarzt nach ihrer Strahlentherapie: „Frau Bergmann, diese Erfahrungen, die Sie durch ihre Krebserkrankung erlebt haben, tragen Sie in sich und sind etwas ganz Besonderes. Sie machen Sie stark.“ Stark sein. Das hat Marion beeinflusst und ist zurück an ihren Arbeitsplatz gekommen. Die Erfahrungen sind ihr persönlicher Schatz. Ein Schatz, der zu behüten ist und von dem sie sehr gerne abgibt.   

Schreiben als stille Therapie

Während der Krebstherapie gab es für Marion noch etwas weiteres, das ihr Kraft schenkte: das Schreiben. Marion führte Tagebuch und schrieb ihre Gefühle und Wahrnehmungen regelmäßig auf. „Für mich war das Schreiben wie eine stille Therapie,“ erzählt sie. Die einzelnen Aufnahmen ihrer Gefühlswelt setzten sich nach und nach zu einem Buch zusammen. „Ich kann jedem raten, sich in der grauen Zeit der Therapien, des Wartens, des Hoffens und Bangens seinen Ressourcen zu widmen. Man sollte sich seinen Stärken bewusst sein“. Bei Marion war es vor allem das Schreiben. Durch das Schreiben konnte sie das Erlebte besser verarbeiten. Es war wie ein Ventil. Zwei Jahre später ereignete sich für Marion Bergmann etwas Unglaubliches. Im Dezember 2019 veröffentlichte sie ihr Buch unter dem Titel „Diagnose: Die Krankheit mit K.“ Es ist ein Buch voller persönlicher Sorgen und Gefühle. Es ist ein Buch, das jedoch vor allem Mut machen soll. Allen Frauen und Männern, die von Krebs betroffen sind, allen Angehörigen, allen letztlich, die in sich vielleicht die latente Angst spüren, selbst zu erkranken.

Wenn der Tumor draußen ist, geht es im Kopf erst richtig los

Bei der Buchveröffentlichung ist es allein nicht geblieben. Marion hält Lesungen an Volkshochschulen, in Selbsthilfegruppen und an ihrem Arbeitsplatz, in der onkologischen Rehaklinik. „Es ist wunderschön, dass ich den Patienten und Betroffenen etwas von meiner Erfahrung abgeben kann. Ich freue mich, wenn sie aus meiner Geschichte Kraft schöpfen können.“ Marion erinnert sich: „Wenn Patienten in die Klinik kommen, weiß ich genau, was sie denken. Ich weiß, was in ihnen vorgeht. Oft entsteht der Eindruck, dass, wenn der Tumor draußen ist, das schlimmste vorbei ist. Dabei geht es danach im Kopf erst richtig los.“

Das Schreiben bleibt auch Jahre nach ihrer Krebserkrankung ein treuer Begleiter. Im September 2021 veröffentlichte Marion ihr zweites Buch, das unter dem Titel „Immer wieder mittendrin“ erschien. Im Gegensatz zu ihrem ersten Buch trägt dieses eine humorvollere Note. In 20 kurzen Geschichten schreibt sie über Alltagssituationen, die das Leben schöner und bedeutsamer machen.

Das wiederkehrende Glück

Marion steht nun stolz und stark wieder mit beiden Beinen im Leben und hinter der Rezeption der Paracelsus Klinik am See. Ihr inneres Glück hat sie nach der Diagnose wieder gefunden. Auf der Tanzfläche. Auch heute tanzt sie gerne und viel. Oft dreht sie zu Hause ihre Musik laut auf. „Manchmal kommt meine Tochter dazu und dann tanzen wir gemeinsam,“ schmunzelt sie. Marion beschreibt es mit einer Metapher: Die Schale ihres Glücklichseins ist wieder gefüllt. Und da es schon fast über den Rand kriecht, ist sie bereit von ihrem Glück abzugeben. Insbesondere in ihren Lesungen. „Ich möchte den Patienten etwas von meinem Elan abgeben. Krebs muss nicht immer das Ende bedeuten. Vielmehr bietet es eine Chance, das Leben auf komplett neue Weise zu erfahren.“ Glück kann immer zurückkehren!