19. März 2020

Angst ist ein schlechter Ratgeber

Sorgen treiben sicherlich viele von uns um in diesen Zeiten, in denen Corona unser aller Berufs- und Privatleben so stark dominiert. Wir haben deshalb mit dem Ärztlichen Direktor der Berghofklinik, Dr. Peter Subkowski gesprochen. Als Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und FA für Psychiatrie und Neurologie kennt er sich von Berufs wegen mit dem Phänomen Angst gut auskennt und vor allen Dingen weiß, wie man ihr begegnen kann. Und zwar, bevor sie einen übermannt.

Wieso reagieren manche Menschen ängstlich andere wiederum gelassen? Ist das eine Frage der Persönlichkeit oder eine Frage des Umfelds, quasi Rudelverhalten, das Einfluss auf das eigene Reagieren hat?

Ob ein Mensch schnell ängstlich und panisch reagiert oder nicht, ist eine Frage der persönlichen Resilienz, d. h. der eigenen inneren Widerstandskraft. Für eine stabile psychische Befindlichkeit, die uns auch ein Stück vor äußeren Belastungen und Katastrophen schützen kann, sind ein Gleichgewicht in verschiedenen Lebensfeldern wichtig. Dazu gehören eine stabile Berufs-und Arbeitswelt, gute freundschaftliche Beziehungen und eine Familie, die Rückhalt und Unterstützung gibt. Weiterhin sind die eigene körperliche Gesundheit und nicht zuletzt eine Orientierung und Verwurzelung in Richtung einer Sinnhaftigkeit bedeutsam.

Der Mensch ist ein soziales Wesen und orientiert sich dabei natürlich auch an dem Verhalten seiner Bezugsgruppe. Wenn in unserer Gesellschaft, wie im Moment zum Teil irrationale Angst und Panik entsteht, fällt es den meisten Menschen daher schwer, sich innerlich abzugrenzen und eine rationale, besonnene und bewusste Haltung einzunehmen.

 Was kann man dagegen tun, insbesondere wenn man sowieso schon mit Ängsten belastet ist? Ablenkung? Nachrichtenstopp?

In der jetzigen Situation ist es wichtig, sich zunächst einmal nicht durch Fake News, Gerüchte oder der Panik anderer anstecken zu lassen. Die Folgen sind zum Beispiel Hamsterkäufe. Oder es führt zu fantasierten Katastrophenszenarien, die lähmen oder kopflos machen können. Ein absoluter Nachrichtenstopp ist sicher nicht sinnvoll, kritisches Bewerten und Abwägen von Gerüchten und Nachrichtenflut hingegen schon. Helfen kann in Zeiten wie diesen, sich auf gute Beziehungen, sinngebende Hobbys und Interessen, wie Lesen, Musikhören und –machen oder Kreativsein zurückzuziehen.

Ist es sinnvoll Entspannungstechniken aus dem Therapierepertoire der Reha-Kliniken anzuwenden? Oder sollte einfach Jeder Dinge tun, von denen er weiß, dass sie ihn beruhigen?

Sinnvoll können bei zunehmenden Ängsten neben Sport auch Entspannungstechniken wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen oder das autogene Training nach Schultz sein. Aber auch meditative Körpertherapieverfahren wie Yoga, Tai-Chi und Chi Gong bzw. Feldenkrais können helfen, körperliche Spannungen und Ängste abzubauen. Jeder von uns kann zum Beispiel auch derzeit noch alleine Spaziergänge machen, wobei körperliche Aktivitäten angstlösend und spannungsabbauend wirken.

 Spreche ich mit meinen Kindern darüber oder schüre ich dann nur Ängste?

Unsere Kinder bekommen derzeit natürlich mit, dass die Erwachsenen ängstlicher und sorgenvoller sind als sonst. Von daher ist es sinnvoll, ihnen in kindgerechter Sprache zu erklären, dass man aus Vorsicht bestimmte Einschränkungen hinnehmen muss und von daher im Moment nicht zum Spielen rausgehen kann, der Kindergarten geschlossen ist etc.. Hygienemaßnahmen sollten in ihrer Wirkung erklärt werden. Hierzu gibt es zum Beispiel gute YouTube-Videos, wie z. B. Händewaschen einer Viruserkrankung vorbeugt. Natürlich ist es auch jetzt sinnvoll, Kinder zuhause zu beschäftigen, mit ihnen zu spielen, zu reden oder den Schullernstoff zu bearbeiten. Das Internet ist hier eine gute Möglichkeit, weiterhin Kontakt mit der Welt draußen aufrechtzuerhalten.