Chronische Schmerzen

Behandlungskonzept für Patienten mit chronischen Schmerzen

Die Behandlung chronischer Schmerzen stellt einen der Behandlungsschwerpunkte der Paracelsus-Roswitha-Klinik dar.

Chronische Schmerzen, also solche schmerzhaften Beschwerden, die mindestens drei Monate lang kontinuierlich fortbestehen oder wiederholt auftreten, benötigen eine umfangreichere Behandlung als akute, nur kurzfristig bestehende Beschwerden: Nicht der Schmerz, sondern der Schmerzpatient steht im Mittelpunkt der Behandlung. Dies ist dadurch begründet, dass chronische Schmerzen über das jeweils betroffene Organ hinausgehende Veränderungen durch die Entstehung eines so genannten Schmerzgedächtnisses sowohl im Körper als auch im Erleben und Verhalten des betroffenen Menschen bewirken.

So kann sowohl ein übermäßiges Schonverhalten als auch eine Missachtung von Schmerzen durch anhaltende Überforderung zur Verschlimmerung und weiteren Chronifizierung bestehender Schmerzen führen. Eine ständige Belastung durch Schmerzen bewirkt oft eine Beeinträchtigung des Erlebens bis zu Gefühlen von Angst und Niedergeschlagenheit. Ein schmerzbedingter Rückzug aus der vertrauten sozialen Umgebung kann bis zum Verlust des Freundeskreises führen. Durch das Abgleiten in Passivität, Rückzugs- und Schonverhalten kann das Schmerzerleben eine überragende Bedeutung im Leben der Betroffenen erlangen. Hinzu kommt oft die Bedrohung der beruflichen Leistungsfähigkeit, die zu einer weiteren Konzentration auf die Beschwerden und in Form verschiedener "Teufelskreise" zum Weiterbestehen des Schmerzproblems beiträgt.

Das kognitiv-verhaltensmedizinische Therapiekonzept der Paracelsus-Roswitha-Klinik integriert die körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen in einem bio-psycho-sozialen Gesamtbehandlungsplan. Das Hauptziel der Behandlung chronischer Schmerzen liegt demzufolge darin, die Fähigkeit der Betroffenen zum Umgang mit dem Schmerzproblem, das heißt zur Schmerzbewältigung, zu verbessern, um in der Folge krankheitsbedingte Beeinträchtigungen in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Freizeit verringern zu können.

Hierzu werden verschiedene Schmerzbewältigungsstrategien und verhaltensorientierte Methoden zur Verbesserung des Gesamtbefindens eingesetzt. Gleichzeitig werden vielfältige körperliche Aktivierungs- und Trainingsmethoden angewandt, um durch die Verbesserung von Beweglichkeit und Kondition zum Aufbau der Muskulatur und hierdurch zur Verringerung der schmerzbedingten Einschränkungen beizutragen.

Darüber hinaus berücksichtigt das verhaltensmedizinische Behandlungskonzept chronischer Schmerzen der Paracelsus-Roswitha-Klinik die häufig infolge chronischer Schmerzen auftretenden oder parallel bestehenden psychischen Begleiterkrankungen , wie Depressionen oder Angststörungen, als gleichwertige Problembereiche, da sie oftmals in Form von Teufelskreisen (Beispiel siehe Abbildung) die Schmerzbewältigung behindern.

Dieses Behandlungskonzept, dessen Hauptziel eine "Hilfe zur Selbsthilfe" ist, erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Dipl.-Psychologen, Sport- und Bewegungstherapeuten, Körperwahrnehmungs-, Entspannungs- und Kreativtherapeuten u. a.).

Die Paracelsus-Roswitha-Klinik kooperiert insbesondere mit der Ambulanz für Schmerzbehandlung der Universität Göttingen, um die Weiterentwicklung der Behandlungsformen kontinuierlich dem aktuellen wissenschaftlichen Stand anzupassen.

Die einzelnen Behandlungselemente im Überblick

Bezugstherapeut

Der Bezugstherapeut (Dipl.-Psychologe oder Arzt) erarbeitet mit dem Patienten ein individuelles Krankheitsmodell sowie die konkrete Zielsetzung der Behandlung und entwickelt daraus mit ihm gemeinsam einen Therapieplan. Darin werden die einzelnen Therapiebausteine je nach den besonderen Erfordernissen des Krankheitsbildes individuell (Einzeltherapie, Basisgruppentherapie, Schmerzbewältigungsgruppe, Genusstraining, Körperwahrnehmungs- und Entspannungsverfahren, Sport-, Trainings- und physikalische Therapie, Yoga u. a.) gewichtet.

Bezugsarzt

Der Bezugsarzt führt die medizinischen Untersuchungen durch. Er bespricht mit dem Bezugstherapeuten die körperlichen Belange des Patienten und leitet die entsprechend erforderliche Mitbehandlung in die Wege. Er steht dem Patienten während des gesamten Aufenthaltes bei behandlungsbedürftigen oder neu auftretenden körperlichen Beschwerden zur Seite.

Einzelpsychotherapie

Im Rahmen der Einzeltherapie geht es zunächst darum, mit dem Bezugstherapeuten ein gemeinsames Verständnis der Krankheit, ihrer Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen zu entwickeln, anschließend um eine eventuell erforderliche Integration gruppenpsychotherapeutischer Therapieelemente und schließlich um die Bewältigung der häufig begleitenden Probleme im Lebensalltag des Patienten. Diese können zum Beispiel im sozialen Umfeld oder in der Lebensgeschichte des Patienten liegen. Falls erforderlich können hier auch die begleitenden psychischen Belastungen, das heißt zusätzlich zur Schmerzerkrankung bestehende Depressionen, Ängste et cetera, aufgegriffen und therapeutisch bearbeitet werden.

Schmerzbewältigungsgruppe

Im Rahmen der Schmerzbewältigungsgruppe werden die Patienten zunächst über die Besonderheiten von chronischen Schmerzen, deren Aufrechterhaltung sowie mögliche Einflussfaktoren informiert. Hieraus werden verschiedene Schmerz-Bewältigungs-Möglichkeiten (z. B. Übungen zur Akzeptanz der Schmerzen, zur Aufmerksamkeitslenkung, zur Veränderung der Schmerzqualität) zunächst theoretisch abgeleitet und dann konkret eingeübt. Gleichzeitig werden schmerzverändernde Verhaltensweisen des Alltags erarbeitet und gegebenenfalls korrigiert. Durch den Austausch in der Gruppe wird eine gegenseitige Hilfe und Unterstützung der Patienten untereinander gefördert.

Genusstrainingsgruppe

Bei chronischen Schmerzerkrankungen richtet sich die Aufmerksamkeit des Patienten zunehmend mehr auf den Schmerz, so dass andere Erlebensqualitäten in den Hintergrund treten können. Dadurch entstehen weitere Teufelskreise, die in manchen Fällen ganz wesentlich zur Aufrechterhaltung sowie zur Verschlimmerung der Schmerzen beitragen. Im Rahmen der Genusstrainingsgruppe wird die Wahrnehmung der verschiedenen Sinnesqualitäten trainiert, so dass die einseitige Schmerzwahrnehmung an Bedeutung verliert und die Genussfähigkeit im Alltag gesteigert wird.

Entspannungstraining

Bei Patienten mit chronischen Schmerzen ist die schmerzbedingte Anspannung von Muskulatur und Bindegewebe häufig an der Aufrechterhaltung des Schmerzproblems beteiligt. Auch eine starke Anstrengung, trotz der Beschwerden den Lebens- oder Berufsalltag zu bewältigen, führt meist zu einer weiteren Anspannung, die wiederum einen ungünstigen Einfluss ausübt. Aus diesem Grund ist es erforderlich, durch gezieltes Entspannungstraining eine Reduktion des Anspannungsniveaus zu erreichen. Hierzu können progressive Muskelrelaxation (JACOBSON), autogenes Training und Yoga erlernt werden.

Feldenkraistraining

Genau wie wir uns verschiedene Verhaltensweisen aneignen, gewöhnen wir uns auch körperliche Bewegungsmuster an, die bei Fehlhaltungen zu Verspannungen und damit zu einer Verschlimmerung des chronischen Schmerzes (auch durch Ausdehnung in andere Körperbereiche) führen können. Diese speziellen Bewegungsmuster zu erkennen und zu verändern, ist Ziel dieser Körperwahrnehmungsgruppe.

Basisgruppe

Die den chronischen Schmerz begleitenden Probleme in anderen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, sowie jene Probleme, die im lebensgeschichtlichen Hintergrund des Patienten liegen, können im Rahmen dieser Gruppe bearbeitet werden. Mit Hilfe vorhandener Arbeitsmodelle werden sowohl konkrete Problemlösungen erarbeitet als auch ein übergeordnetes Modell vermittelt, das die Teilnehmer dann auch außerhalb der Gruppe selbstständig anwenden können.

Indikative Psychotherapiegruppen

Bei Bedarf kann die Schmerzbehandlung ausgeweitet werden. Bei entsprechenden Begleiterkrankungen stehen folgende weitere Gruppentherapieangebote zur Verfügung: 

  • Angst-Bewältigungs-Gruppen
  • Depressions-Bewältigungs-Gruppen
  • Training sozialer Kompetenzen
  • Stress-Bewältigungs-Training
  • Tinnitus-Bewältigungs-Training
  • Adipositas-Bewältigungs-Gruppe

Sport-, Bewegungs- und Trainingstherapie sowie Krankengymnastik

Zu diesem Bereich gehören Walking, Jogging, Muskelaufbautraining, Ergometertraining, Bewegungsbäder und Schwimmkurse. Diese Maßnahmen dienen zur Konditionsverbesserung sowie zum Aufbau einer stabilen Muskulatur, da diese der Chronifizierung der Schmerzen und einer passiven, schmerzerhaltenden Grundhaltung entgegenwirkt. Die Krankengymnastik dient der Mobilisierung bestimmter problematischer Körperbereiche und stellt damit eine Vorstufe der Sporttherapie bei stärker eingeschränkten Patienten dar.

Kreative Gestaltungstherapie

Die Gestaltungstherapie, die den Patienten frei zugänglich ist, bietet die Möglichkeit, durch kreative Medien einen anderen Zugang zum eigenen Erleben zu finden. Dadurch werden Aufmerksamkeitslenkungsprozesse angeregt und kreative Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen.

Medikamentöse Therapie

Eine medikamentöse Behandlung kann auch im Entzug von Schmerzmitteln bei länger dauerndem problematischem Gebrauch bestehen, besonders dann, wenn offensichtlich hierdurch eine aktive Schmerzbewältigung verhindert wird. Bei bestimmten Schmerzerkrankungen kann es aber auch sinnvoll sein, durch eine angemessene medikamentöse Unterstützung zu einer Reduktion der Beschwerden beizutragen. Dies wird im Einzelfall mit dem Patienten detailliert besprochen.