Depressionen

Behandlungskonzept für Patienten mit Depressionen

Die Behandlung depressiver Erkrankungen stellt einen der Behandlungsschwerpunkte der Paracelsus-Roswitha-Klinik dar.

"Depression" ist ein Oberbegriff für einen psychischen Beschwerdekomplex, der eine Vielzahl von Symptomen (Krankheitsanzeichen) umfasst. Die Symptome lassen sich in fünf Gruppen einteilen, die als charakteristische Hinweise für das Vorliegen einer Depression gelten. Zu diesen Gruppen gehören die emotionale (Gefühl), die physiologisch-vegetative (körperlich), die kognitive (Gedanken), die motivationale (zielgerichtete) und die motorische (Verhalten) Ebene. Auf einer oder mehrerer dieser Ebenen lassen sich Veränderungen im Vergleich zu Lebensabschnitten finden, die durch psychisches Wohlbefinden gekennzeichnet sind.

Im Folgenden sollen die bewährten und wissenschaftlich fundierten psychologischen Erklärungsansätze kurz skizziert werden, die eine Einordnung auslösender, aufrechterhaltender und ursächlicher Faktoren der Depression ermöglichen.

  1. Verstärkerverlustmodell
    Dieses Modell besagt, dass eine Abnahme der Häufigkeit an positiven Ereignissen und Erlebnissen (das sind "Verstärker") zu einer Depression führen kann. Diese Abnahme kann im Zusammenhang mit Lebensereignissen, den Bedingungen der sozialen Umwelt und Merkmalen des einzelnen Menschen stehen.
  2. Erlernte Hilflosigkeit
    Die "erlernte Hilflosigkeit" stellt ein Muster im Verhalten eines Menschen dar, auf Schwierigkeiten, Anforderungen und Probleme mit passiven, sich zurückziehenden Reaktionen zu "antworten". Dies führt langfristig zu negativen Erlebensweisen und einer Abnahme von psychischem Wohlbefinden.
  3. Das kognitive Modell
    Der Begriff "Kognition" (lat.: Erkennen) beinhaltet eine Vielzahl von uns allen bekannten Vorgängen wie Bewertungen, Erwartungen, Fantasien, Erinnerungen und Vorstellungen, um nur einige zu nennen. Diese Vorgänge lassen sich gut in unseren Gedanken (was denke oder sage ich zu mir) wiederfinden. Wenn unsere Gedanken anfangen, sich überwiegend um negative Dinge zu drehen, und dies über einen längeren Zeitraum anhält (z. B. Grübeln), dann kann dies zu einem Auftreten depressiver Beschwerden führen.


Chronische Depressionen, also solche, die mindestens sechs Monate lang kontinuierlich fortbestehen oder wiederholt auftreten, benötigen eine umfangreichere Behandlung als akute, nur kurzfristig bestehende Störungen: Nicht die Krankheit, sondern der gesamte Mensch steht im Mittelpunkt der Behandlung. Dies ist dadurch begründet, dass chronische Erkrankungen über das jeweils betroffene Organ hinausgehende Veränderungen sowohl im Körper als auch im Erleben und Verhalten des betroffenen Menschen bewirken können.

So kann sowohl ein übermäßiges Schonverhalten als auch eine Missachtung von Gefühlen durch anhaltende Überforderung zur Verschlimmerung und weiteren Chronifizierung bestehender Depressionen führen. Eine ständige negative Bewertung bewirkt oft eine Beeinträchtigung des körperlichen Erlebens bis hin zu Gefühlen von Schmerz und Angst. Ein depressionsbedingter Rückzug aus der vertrauten sozialen Umgebung kann bis zum Verlust des Freundeskreises führen. Durch das Abgleiten in Passivität und Rückzugsverhalten kann die Depression eine überragende Bedeutung im Leben der Betroffenen erlangen. Hinzu kommt oft die Bedrohung der beruflichen Leistungsfähigkeit, die zu einer weiteren Konzentration auf die Beschwerden und in Form verschiedener "Teufelskreise" zum Weiterbestehen des Problems beiträgt:

Unser Behandlungskonzept

Das kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungskonzept der Paracelsus-Roswitha-Klinik integriert die körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren der Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen in einem bio-psycho-sozialen Gesamtbehandlungsplan.


Das Hauptziel der Behandlung von Depressionen liegt darin, die Fähigkeit der Betroffenen zum Umgang mit der und zur Vorbeugung einer Depression, das heißt zur Depressionsbewältigung, zu verbessern, um in der Folge krankheitsbedingte Beeinträchtigungen in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Freizeit verringern zu können.

Der Prozess therapeutisch geleiteter Veränderungen in der kognitiven Verhaltenstherapie von Depressionen umfasst die Bestimmung konkreter, realitätsorientierter und erreichbarer Ziele. Zu diesem Zweck wird zunächst eine Bestandsaufnahme der persönlichen Problematik unter Berücksichtigung der oben genannten Modelle eingeleitet. Im Hinblick auf die dann gemeinsam vereinbarten Ziele werden Übungen ausgewählt, die vor allem auf den Ebenen des Verhaltens, der Kognitionen und des sozialen Kontaktes ansetzen. Diese Übungen werden sowohl während der Einzel- und Gruppentherapie, als auch zwischen den Sitzungen in Form von "Hausaufgaben" durchgeführt.

Gleichzeitig werden vielfältige körperliche Entspannungs- und Aktivierungsmethoden angewandt, um durch die Verbesserung von körperlichen und sozialen Faktoren zum Abbau des depressionsbedingten Rückzugs und der verbundenen Antriebsstörungen beizutragen.

Darüber hinaus berücksichtigt das verhaltensmedizinische Behandlungskonzept der Paracelsus-Roswitha-Klinik die häufig zuvor oder parallel bestehenden Begleiterkrankungen, wie körperliche Erkrankungen und Behinderungen oder Angststörungen, als gleichwertige Problembereiche, da sie oftmals in Form von weiteren Teufelskreisen die Depressionsbewältigung behindern.

Dieses Behandlungskonzept, dessen Hauptziel eine "Hilfe zur Selbsthilfe" ist, erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Dipl.-Psychologen, Sport- und Bewegungstherapeuten, Körperwahrnehmungs-, Entspannungs- und Kreativtherapeuten u. a.).

Zur Sicherung der Behandlungsqualität finden regelmäßige interne und externe Supervisionen durch anerkannte Supervisoren statt. Die Paracelsus-Roswitha-Klinik kooperiert insbesondere mit führenden Wissenschaftlern der Universität Tübingen, um die Weiterentwicklung der Behandlungsformen kontinuierlich dem aktuellen wissenschaftlichen Stand anzupassen.

Die einzelnen Behandlungselemente im Überblick

Bezugstherapeut

Der Bezugstherapeut (Dipl.-Psychologe oder Arzt) erarbeitet mit dem Patienten ein individuelles Krankheitsmodell sowie die konkrete Zielsetzung der Behandlung und entwickelt daraus mit ihm gemeinsam einen Therapieplan. Darin werden die einzelnen Therapiebausteine je nach den besonderen Erfordernissen des Krankheitsbildes individuell (Einzeltherapie, Basisgruppentherapie, Depressionsbewältigungsgruppe, Körperwahrnehmungs- und Entspannungsverfahren, Sport, Trainings- und physikalische Therapie, Yoga u. a.) gewichtet.

Bezugsarzt

Der Bezugsarzt führt die medizinischen Untersuchungen durch. Er bespricht mit dem Bezugstherapeuten die körperlichen Belange des Patienten und leitet die entsprechend erforderliche Mitbehandlung in die Wege. Er steht dem Patienten während des gesamten Aufenthaltes bei behandlungsbedürftigen oder neu auftretenden körperlichen Beschwerden zur Seite.

Einzelpsychotherapie

Im Rahmen der Einzeltherapie geht es zunächst darum, mit dem Bezugstherapeuten ein gemeinsames Verständnis der Krankheit, ihrer Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen zu entwickeln, anschließend um eine eventuell erforderliche Integration gruppenpsychotherapeutischer Therapieelemente und schließlich um die Bewältigung der häufig begleitenden Probleme im Lebensalltag des Patienten. Diese können zum Beispiel im sozialen Umfeld oder in der Lebensgeschichte des Patienten liegen.

Falls erforderlich können hier auch die begleitenden psychischen Belastungen, zum Beispiel zusätzlich zur Depression bestehende Ängste et cetera, aufgegriffen und therapeutisch bearbeitet werden.

Depressionsbewältigungsgruppe

Das Ziel dieser Gruppe orientiert sich an einem selbstverantwortlichen, aktiven und realitätsnahen Umgang mit ihren Problemen. Zunächst wird ein Krankheitsmodell vermittelt, das zum einen die Erklärung der depressiven Erlebensweisen, zum anderen die Schlussfolgerungen, die sich daraus für die Therapie ergeben, beinhaltet. Allgemein wird dabei unter Zusammenführung der oben genannten Erklärungsansätze von einem Mangel an aktueller Problemlösefähigkeit ausgegangen. Dies führt zu einer negativen Spirale, die in eine Depression mündet. In der Gruppe wird dann erarbeitet, dass es eine positive Spirale gibt, die aus der Depression herausführt. Hierzu gibt es bestimmte Übungen und Ansätze, die den Kern der Gruppentherapie bilden.

Als ein zentrales Kennzeichen der Depression gilt ein gewisses Maß an unfreiwilliger Inaktivität und Rückzug. Dies führt zu einer Abnahme positiver Erlebnisse. Als erster und wichtiger Schritt hin zu einer Veränderung beinhaltet eine Therapie der Depression also den Aufbau positiver Aktivitäten. Diese positiven Aktivitäten lassen sich aus den Bereichen Bewegung, Entspannung, Genuss und/oder etwas, das Spaß macht, zusammensetzen. Um einen Aufbau solcher Aktivitäten zu erreichen, gibt es drei Ansatzpunkte: Der Behandlungsplan mit den unterschiedlichen Anwendungen, die gezielte Hilfe mittels Aktivitätenliste und anderen Aufgaben in den ersten beiden Gruppensitzungen sowie die selbstständige Planung der persönlichen, positiven Aktivitäten in Form von schriftlichen Übersichten und praktischer Umsetzung.

Die Veränderung negativer Kognitionen gehört zum fundamentalen Bestandteil jeder verhaltenstherapeutischen Depressionstherapie. Als wichtiger erster Lernschritt steht dabei die Beobachtung solcher negativer Gedanken im Vordergrund, die unmittelbar depressive Gefühle und Verhaltensweisen nach sich ziehen. Ein Kennzeichen dieser "automatischen" Gedanken stellt ihre Schnelligkeit und Unkontrollierbarkeit dar. Mit Hilfe von Selbstbeobachtungsprotokollen werden Patienten in die Lage versetzt, eine Kontrolle und Steuerung dieser "automatischen" Gedanken zu erreichen. Im nächsten Schritt gilt es dann, übergeordnete Muster und Regeln im Bereich der Gedanken zu beobachten und herauszufinden. Typischerweise drehen sich diese Gedanken um eine negative Sicht der eigenen Person, der Zukunft und der Umwelt. Unter Einsatz vielfältiger und unterschiedlicher therapeutischer Techniken können diese Gedanken überprüft und verändert werden. Dies geschieht sowohl innerhalb der Gruppentherapie, als auch außerhalb durch den Einsatz von schriftlichen Unterlagen, die eine eigenständige Auseinandersetzung mit diesen Gedanken unterstützen und vertiefen. Jeder Mensch besitzt ein gehöriges Maß an positivem Potenzial. Die Wahrnehmung, Umsetzung und Förderung dieses Potenzials kann helfen, Beschwerden und Probleme aktiv zu lösen und zu verändern.

In diesem Sinne werden – nicht nur zum Abschluss der Gruppentherapie, sondern konsequent im gesamten Therapieablauf – therapeutische Aufgaben und Techniken eingesetzt, um Stärken, Fähigkeiten und Erfolgserlebnisse bewusst zu machen. Später können diese positiven Kräfte genutzt werden, um geplante Veränderungen durchzuführen und eine langfristige Stabilität zu erreichen.

Entspannungstraining

Bei Patienten mit chronischen Depressionen ist die haltungsbedingte Anspannung von Muskulatur und Bindegewebe häufig an der Aufrechterhaltung des Problems beteiligt. Auch eine starke Anstrengung, trotz der Beschwerden den Lebens- oder Berufsalltag zu bewältigen, führt meist zu einer weiteren Anspannung, die wiederum einen ungünstigen Einfluss ausübt. Aus diesem Grund ist es erforderlich, durch gezieltes Entspannungstraining eine Reduktion des Anspannungsniveaus zu erreichen. Hierzu können progressive Muskelrelaxation (JACOBSON), autogenes Training und Yoga erlernt werden.

Basisgruppe

Die die Depressionen begleitenden Probleme in anderen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, sowie jene Probleme, die im lebensgeschichtlichen Hintergrund des Patienten liegen, können im Rahmen dieser Gruppe bearbeitet werden. Mit Hilfe vorhandener Arbeitsmodelle werden sowohl konkrete Problemlösungen erarbeitet als auch ein übergeordnetes Modell vermittelt, das die Teilnehmer dann außerhalb der Gruppe selbstständig anwenden können.

Indikative Psychotherapiegruppen

Bei Bedarf kann die Behandlung ausgeweitet werden. Bei entsprechenden Begleiterkrankungen stehen folgende weitere Gruppentherapieangebote zur Verfügung: 

  • Angst-Bewältigungs-Gruppen
  • Schmerz-Bewältigungs-Gruppen
  • Training sozialer Kompetenzen
  • Stress-Bewältigungs-Training
  • Tinnitus-Bewältigungs-Training
  • Adipositas-Bewältigungs-Gruppe

 

Sport-, Bewegungs- und Trainingstherapie sowie Krankengymnastik

Zu diesem Bereich gehören Walking, Jogging, Muskelaufbautraining, Ergometertraining, Bewegungsbäder, Schwimmkurse und bei Bedarf gezielte Krankengymnastik, die entsprechend der oben genannten Gründe individuell genutzt werden können.

Kreative Gestaltungstherapie

Die Gestaltungstherapie, die teils den Gruppen zugeordnet, teils den Patienten frei zugänglich ist, bietet die Möglichkeit, durch kreative Medien einen anderen Zugang zum eigenen Erleben zu finden. Dadurch werden Aufmerksamkeitslenkungsprozesse angeregt und kreative Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen.

Medikamentöse Therapie

Eine medikamentöse Behandlung kann sinnvoll sein, um den Einstieg in die Psychotherapie zu erleichtern, bei bestimmten Medikamenten und länger dauerndem problematischen Gebrauch aber auch Nachteile in sich bergen, besonders dann, wenn offensichtlich hierdurch eine aktive Depressionsbewältigung verhindert wird. Dies wird im Einzelfall mit dem Patienten detailliert geklärt.