26. Juli 2021

Sportpsychologie: Erfolg im Kopf

Die Sportpsychologie ist ein noch recht junger und vertiefender Bereich der klassischen Psychologie. Sportpsychologen arbeiten mit einzelnen Sportlern, Trainern, Betreuern und Mannschaften zusammen. Gemeinsam mit ihnen entwickeln sie Konzepte, Trainingsmethoden und Übungen, um die mentale Stärke des Sportlers von klein auf zu stärken und so langfristig seine seelische Gesundheit zu erhalten. Wie das im Einzelnen aussehen kann und dass es dabei um mehr geht als um ein Mentaltraining, erklärt uns hier Dr. Lena Kluge, Leiterin der Sportpsychologie im Fachbereich Sportmedizin und Prävention in unserer Bremer Klinik.

Ist mentale Stärke ein Erfolgsrezept?
Die mentale Stärke kann in bestimmten Drucksituation eine wichtige Fähigkeit sein. Stellen Sie sich folgende Szene vor: Champions League Finale. Heimspiel. Ausverkauftes Stadion. 60.000 Fans. Das Team kämpft. 1:1 nach 90 Minuten. Es geht in die Verlängerung. Jetzt Elfmeterschießen. Alle sind mit den Kräften am Ende. Der Mannschaftskollege vor Ihnen verschießt den Ball. Sie stehen nun als letzter Spieler vor dem entscheidenden Schuss…

Hier braucht man schon einen kühlen Kopf. Wettkämpfe haben die Besonderheit, dass sie einmalig und damit nicht wiederholbar sind. Mentale Stärke ist die Fähigkeit, auch in solchen Drucksituation die persönliche Leistung abrufen zu können. Ganz wichtig zu wissen: Es ist eine Fähigkeit, die zudem von jedem erlern- und trainierbar ist.

Welche Angebote gibt es in der Sportpsychologie Bremen zur mentalen Leistungsentwicklung für Sportler und Trainer?
In der Sportmedizin Bremen haben wir einen eigenen Fachbereich für das Thema Sportpsychologie. Hier bieten wir eine individuell angepasste Betreuung an. Dabei sind wir mehr als Mentaltrainer. Wir bieten Einzelcoachings, Vorträge, Workshops und Diagnostik an.

Im Erstkontakt mit Spielern oder Trainern erarbeiten wir als Sportpsychologen ein abgestimmtes Konzept und schauen, wo der Schuh gerade drückt oder welche sportpsychologischen Themen im Fokus stehen. Ziel ist es dabei, Trainer, Sportler oder Teams bei der Erreichung ihrer sportlichen Ziele zu unterstützen und in ihrer Entwicklung zu begleiten.

Siege und Erfolge bleiben aus: Wie bestärken Sie in der Sportpsychologie Sportler, dennoch weiterzumachen?
SportlerInnen sind von sich aus sehr leistungsorientiert und bringen daher schon eine hohe Motivation mit. Bei Niederlagen oder bei Schwierigkeiten, die eigene Leistung abzurufen, gucken wir eher erstmal auf die Situation an sich. Die Gründe für ein Leistungstief können von Sportler zu Sportler sehr unterschiedlich sein. Daher hilft es, einen ganzheitlichen Blick auf die Situation zu haben. Nicht immer ist sofort klar, woran es liegt. Hier hilft es, dies individuell zu besprechen und angepasste Interventionen abzuleiten, die dem Sportler wieder in die alte Form zurückfinden lassen . Im Leistungssport kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass Sportler im Wettkampf nicht die Leistung abrufen können, die sie im Training zeigen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Manchen Sportlern helfen Übungen im Bereich Aufmerksamkeit und Konzentration, die wir zusammen im Coaching-Prozess erarbeiten und dann eigenständig trainiert werden können.

Wie beurteilt die Sportpsychologie den Nutzen von Ehrgeiz?
Wenn wir Ehrgeiz als das Streben nach Erfolg und Leistung definieren, kann die Stärke unseres Ehrgeizes einen Einfluss auf unser Verhalten haben. Menschen, die nach Erfolg streben und leistungsorientiert sind, haben meistens auch einen längeren Atem und halten durch, auch wenn es mal Rückschläge auf dem Weg zur Zielerreichung gibt. Dennoch sollte man auch immer im Auge behalten, wann zu viel Ehrgeiz uns eventuell im Wege steht und hinderlich sein kann. Wenn unsere Ziele zu unrealistisch und nicht erreichbar sind, hilft eventuell auch ein starker Ehrgeiz nicht.

Kann Geld als Mittel der Anerkennung und Motivation auch nach hinten losgehen?
Es kommt immer drauf an. Wenn ich Spaß habe bei dem was ich tue, ich meinen Sport mit positiven Emotionen verbinde, dann weise ich eine hohe intrinsische Motivation auf. Ich mache also Sport aus eigenem Antrieb. Die Sportpsychologie betrachtet diese intrinsische Motivation als entscheidend für den Erfolg. Geld hingegen stellt einen externen Anreiz dar. Ich werde also von außen gesteuert. Weise ich eine hohe intrinsische Motivation auf, kann es sogar sein, dass diese durch äußere Anreize gesenkt wird. Wenn ich also für eine Handlung oder für ein Verhalten, dass ich gerne tue, z.B. mit Geld belohnt werde, kann es passieren, dass meine Motivation sinkt und ich das Verhalten weniger häufig zeige.

Dennoch können äußere Anreize hilfreich sein, wenn ich zum Beispiel keine Lust auf Sport habe, mich aber aus gesundheitlichen Gründen bewegen sollte.  Vielleicht muss ich dann erstmal durch einen äußeren Anreiz angestoßen werden und nach ein paar Wochen macht mir die Bewegung oder der Sport dann doch Freude. Weil so eine intrinsische Motivation entstanden ist, bleibe ich auch langfristig dran.

Wie lernen bereits die kleinen Sportler, mit Niederlagen gut umzugehen?
Oft hilft es schon, wenn wir eine neue Betrachtungsweise auf Niederlagen erarbeiten. Also mehr darauf schauen, was wir aus den Niederlagen für die Zukunft ziehen können. Wenn wir Rückschläge als Herausforderung sehen, es nächstes Mal besser zu machen und sie als Feedback zu nutzen, dann hilft es für die nächste Herausforderung gewappnet zu sein und sie können uns sogar motivieren.

Sie bieten Ihre Coaching-Leistungen auch Eltern sportlicher Kinder an. Wo liegt hier der Fokus?
Das soziale Umfeld von Nachwuchsleistungssportlern/innen spielt eine wichtige Rolle in der sportlichen Entwicklung. Eltern gehören zu diesem sozialen Umfeld. In den unterschiedlichen Entwicklungsphasen haben die Eltern unterschiedliche Rollen. Sie sind oft Vorbild, Ratgeber und mentaler und finanzieller Unterstützer. Zudem investieren Eltern auch viel Zeit in die Karriere des Kindes, z.B. durch Fahrten zum Training oder zu Wettkämpfen. Die Elternrolle an die sportliche Entwicklung des Kindes anzupassen, kann daher sehr vielschichtig sein. Hier kann ein individuelles Coaching und informativer Austausch helfen, der Rolle gerecht zu werden und die Balance zwischen Über- und Unterfürsorge zu finden.

„Ich leg mich doch nicht auf die Coach“ – Wie anerkannt ist mittlerweile das Thema Coaching und Mentaltraining unter Sportlern?
Die Sportpsychologie kämpft immer noch mit Vorurteilen. In den letzten Jahren ist aber eine größere Akzeptanz gegenüber der Sportpsychologie zu spüren. Viele SportlerInnen sehen, was für ein unglaubliches Potential in dieser Disziplin steckt. Häufig sind die Bereiche physisches Training, medizinische Betreuung, Material, etc. schon sehr gut in die sportliche Betreuung integriert. Der Sportpsychologe oder die Sportpsychologin allerdings eher weniger. Mehr und mehr wird die Bedeutung und die Vielseitigkeit der Disziplin aber deutlich. Denn Sportpsychologen haben ihre Kompetenzen nicht nur im Bereich mentales Training, sondern auch in Bereichen wie Motivation, Verletzungsmanagement, Diagnostik etc., um die SportlerInnen bestmöglich bei ihren Zielen zu unterstützen.