Patienten-Umfrage
28. Oktober 2021

Chefarzt: Klares Nein zur Cannabis-Legalisierung

  • Paracelsus-Chefarzt Dr. Peter Subkowski warnt vor Legalisierung und Verharmlosung der Droge
  • Besonders Jugendliche sind erheblich gefährdet

Bad Essen 28.10.2021. Die derzeit bei den Koalitionsverhandlungen gestellte Frage nach einer Legalisierung von Cannabis beantwortet Dr. Peter Subkowski, Ärztlicher Direktor und Chefarzt von zwei Paracelsus-Kliniken für Abhängigkeitserkrankungen und einer für psychische Erkrankungen in Bad Essen mit einem klaren „Nein“. Der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin sieht in der aktuellen Argumentation für eine Freigabe aus medizinischer Sicht eine fatale Verharmlosung der Gefahren. „Viele denken, dass etwas, das legal ist, nicht schädlich sein kann“, warnt er. „Das ist ein gefährlicher Trugschluss, denn Cannabis schädigt nachweislich die Gehirnentwicklung und ist damit toxischer als Alkohol und Nikotin.” Das Cannabis von heute, so der Facharzt, sei mit dem Stoff der 1960er und 1970er Jahre überhaupt nicht mehr zu vergleichen, da es durch Züchtungen bis zum 20fachen der Konzentration an psychoaktiven Cannabinoiden (THC) aufweise. Besonders heimtückisch seien die Nebenwirkungen und Folgeschäden der Droge. Die Paracelsus Berghofklinik Bad Essen, an der Dr. Subkowski arbeitet, hat sich auf die Entwöhnungsbehandlung bei Patienten mit Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten, Cannabis und anderen „Lifestyledrogen“ sowie pathologischem Glücksspiel- und Mediensucht spezialisiert.

Bedrohliche Palette neurologischer bzw. psychiatrischer Störungen

„Meist bleibt es ja nicht bei einem Joint am Wochenende” erklärt Dr. Subkowski das Problem beim Cannabis. „Wir haben bei uns in den Kliniken dann die Patienten, bei denen der Konsum außer Kontrolle geraten ist.“ Die körperlichen Folgeschäden seien zwar geringer und das Suchtpotenzial sei oft niedriger als bei Alkohol und Nikotin, aber die potenziellen neurologischen Folgeerkrankungen der Droge seien enorm. Es treten Psychosen auf mit zum Teil Selbstmordgefährdung, Hirnleistungsstörungen und Krampfanfälle, häufig einhergehend mit Antriebslosigkeit und sozialer Isolierung. Zum Teil würden Angst- und Panikzustände sowie Realitätsverlust beobachtet. „Die Patienten stehen neben sich, haben bei dauerhaftem Gebrauch Depressionen, Halluzinationen und sogar paranoide Psychosen”, warnt der Chefarzt. „In der Diskussion wird das alles oft vergessen, aber es ist erschreckende Realität. Wir können in unseren Kliniken bis zu einem gewissen Grad gegensteuern, aber entscheidend ist die Abstinenzmotivation des Patienten.” Insbesondere Jugendliche, deren Gehirn sich in der Pubertät im strukturellen Umbau befände, trügen ein erhebliches Risiko. „Wer mit 12 bis 15 Jahren Cannabis konsumiert, hat nachweislich unbehandelbare Langzeitstörungen im zentralen Nervensystem zu erwarten. Das reicht von Konzentrationsstörungen, Störungen beim strukturellen Denken und sinkender Impulskontrolle bis zu Motivations-, Gedächtnis- und Lernstörungen sowie den damit verbundenen sozialen Folgen.”

Angebot führt zu höherer Nachfrage

Auch wer als Erwachsener zur Abhängigkeit neige, sei durch eine Legalisierung weitaus gefährdet als vorher, so Dr. Subkowski. „Ein legales Angebot ist genau der falsche Weg, denn es führt zu einem Absenken der Konsum-Schwelle und zu einer erhöhten Nachfrage”, befürchtet er. Eine Suchtkarriere beginne bereits mit zwei bis drei Gramm in der Woche und ende bei seinen Patienten mit bis zu 15/20 Gramm am Tag. Schon jetzt nehme der Konsum nachweislich zu, auch als Folge der Pandemie, und die Zahl der Patienten mit einer reinen Cannabis-Abhängigkeit in den Kliniken von Paracelsus steige durch alle Altersschichten. Dem Argument, es gäbe mit synthetischem Heroin verunreinigtes Cannabis auf dem Markt und man könne den Konsum durch eine legale Abgabe in lizensierten Fachgeschäften besser und risikoärmer steuern, kann Dr. Subkowski nicht folgen. Schon heute sei es problemlos möglich, Cannabis für den persönlichen Bedarf auf vielen Wegen zu bekommen. Verunreinigtes Cannabis sei bei den von ihm behandelten Patientinnen und Patienten noch nicht nachweisbar vorgekommen. Für bedenkenswert hält Dr. Subkowski allerdings die Auswirkungen des erhöhten Konsums auf die Gesellschaft. Das, so der Chefarzt, gelte sowohl für die Menschen, die Cannabis konsumierten, als auch für das Gesundheitssystem, das der zu erwartenden höheren Zahl von Patienten überhaupt nicht gewachsen sei. „Wir wissen heute, dass Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen fünf bis sieben Jahre brauchen, bis sie in eine fachlich richtige Behandlung kommen. Wir legen damit heute den Grundstein für eine Welle abhängigkeitskranker Menschen in Deutschland, die uns ab 2027 treffen wird”, prognostiziert der Chefarzt. „Wer Cannabis legalisiert, muss sich auch über die Folgen für unsere Gesellschaft im Klaren sein. Aus medizinischer Sicht sollte alles gegen eine Legalisierung getan werden.”