SehnSuchtblog
11. Oktober 2022

Ich muss mich neu kennenlernen – ohne den Alkohol

“Süchtig nach Leben” – Jeder Weg in eine Abhängigkeit ist vielschichtig, facettenreich, sehr persönlich und individuell. Mit diesem SehnSuchtblog möchten wir die persönlichen Geschichten dahinter beleuchten, Suchttherapie-Möglichkeiten aufzeigen, bestärken, den Weg aus der Sucht zu gehen und Lebenslust versprühen. Denn: Das Leben ist schön, sogar wunderschön. Und zu schön, um es vom Suchtmittel beherrschen zu lassen.


Jenny S. weiß gar nicht wo sie anfangen soll, wenn sie rückblickend auf ihre Suchtgeschichte und die Entwicklung ihrer Alkoholabhängigkeit schaut. „Ich komme vom Dorf und bin mit Alkohol groß geworden. Da war es früher gang und gäbe, dass die Erwachsenen bei Dorffesten, Vereinsfeiern oder auch Geburtstagen Alkohol getrunken haben“, berichtet sie über ihre ersten Berührungspunkte mit Alkohol. Sie und ihre Freunde haben in solchen Situationen immer so getan, als wären sie auch betrunken wie die Erwachsenen.

Der Weg zum Alkohol

Der erste richtige Alkoholkonsum erfolgte zu einem späteren Zeitpunkt und ist auf einen konkreten und traumatisierenden Auslöser zurückzuführen. Jenny S. wurde mit neun Jahren vergewaltig, behielt die Tat jedoch für sich. Um dieses traumatische Erlebnis zu vergessen und die Erinnerungen auszuhalten, fing sie mit ca. zwölf Jahren an gelegentlich Alkohol zu trinken. Mit den Jahren steigerte sich der Konsum: „Die Steigerung ging so weit, dass ich mit meiner Clique in den Ferien so gut wie jeden Tag getrunken habe.“ Um an Alkohol zu kommen, beklauten sie ihre Eltern. Entweder bedienten sie sich am Alkoholvorrat oder nahmen sich Geld, um sich Alkohol kaufen zu können. Als Jugendliche musste sie zudem mit ansehen, wie ihre eigene Mutter dem Alkohol verfiel und durch ihren Konsum einen Schlaganfall erlitt. Mit ihrem Auszug im Alter von zwanzig Jahren, nahm ihre eigene Suchtgeschichte ihren Lauf. „Ich trank erst reichlich Bier. Später kam dann unregelmäßig Vodka hinzu.“

Alkohol als Alltagsbegleiter

Die Jahre vergingen, der Alkohol blieb. Oft gab es das erste Glas bereits am Morgen kurz nach dem Aufstehen. „Ich fand mein Verhalten zwar seltsam, aber habe mich in all den Jahren nie als Alkoholikerin bezeichnet“, stellt Jenny S. für sich fest. Sie sei immer zur Arbeit gegangen. Erst nach Feierabend griff sie wieder zum Alkohol, egal ob am nächsten Tag die Frühschicht anstand oder nicht. „Während der Arbeit habe ich nie von selbst getrunken. Entweder brachten Kollegen zu besonderen Anlässen Sekt mit oder unser Chef spendierte ein Getränk.“

Das Schlüsselereignis für den Weg in die Therapie

Mit der Zeit häuften sich die Abstürze und wurden intensiver zu. Geschehnisse vom Vortrag waren ausgelöscht, Erinnerungen an getätigte Anrufe verblassten. Dann kam der große Knall! Jenny S. verbrachte einen lustigen Abend mit einer Freundin. Sie spielten ein Trinkspiel, hatten viel Spaß und zogen weiter in die Stadt, um dort weiterzufeiern und zu trinken. „Für den Rückweg nahm sich meine Freundin ein Taxi, ich hatte entschieden zu Fuß nach Hause zu gehen. Wie es der Zufall so will, bekam ich mitten in der Stadt einen Nervenzusammenbruch“, schildert sie die prägende Nacht. Es folgte eine stationäre Entgiftung und letztendlich die Aufnahme in der Bad Essener Suchtfachklinik.

Therapiezeit in Bad Essen eine große Unterstützung

Die stationäre Entwöhnungsbehandlung und die Therapiezeit in Bad Essen haben ihr persönlich sehr geholfen. „Meine Therapeutin und meine Therapiegruppe waren einfach klasse!“ Vor allem die Therapeuten seien für sie eine große Unterstützung gewesen – von der Ergotherapie über die Einzeltherapiegespräche bis hin zur Gruppensitzung. Eine klare Erkenntnis hat Jenny S. in jedem Fall für sich gewonnen: Sie musste und müsse sich weiterhin neu kennenlernen – ohne den Alkohol und die endlosen berauschten Tage. Insbesondere die Einzelgespräche halfen ihr dabei zu lernen, wie sie sich verhält, wenn eine neue Panikattacke sie überrollt. Den Therapieaufenthalt betrachtet sie sehr realistisch: „Ich wusste, dass jede Aktivität, jede Therapieeinheit einen Sinn hatte und vor allem, dass meine Probleme zu Hause nicht von heute auf morgen gelöst werden und verschwinden. Aber durch die Therapie, konnte ich lernen, wie ich besser mit ihnen umgehen und damit leben kann.“

Herausforderungen warten zu Hause

Zu Hause erfolgte der Sprung ins kalte Wasser. Die Probleme klopften wieder an die Tür. Rückblickend sagt Jenny S. aber: „An dieser Stelle kann ich allen Betroffenen nur mit auf den Weg geben, zu Hause nicht direkt aufzugeben. Ja, es ist verdammt schwer. Mir haben aber besonders die weiterführenden Angebote in der Suchtberatungsstelle geholfen, die während meiner Therapiezeit beantragt wurden.“ Sie denke oft an die Therapiezeit zurück, das helfe ihr sehr den privaten Alltag zu meistern. Ihr Rat: „Nehmt die weiterführenden Angebote zu Hause wahr und verfallt nicht in euren alten Alltagstrott.“