14. Juli 2020

Wenn chronische Schmerzen den Alltag bestimmen

Rund 28 % aller Deutschen geben an, unter chronischen Schmerzen zu leiden. Chronische Schmerzen haben unterschiedliche Ursachen. Neben körperlichen auch sind psychische Ursachen oder eine Kombination von beiden, häufig der Grund für das Entstehen von chronischen Schmerzen. Ärzte sprechen dann häufig von einer Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren. Diese haben oft einen langen Verlauf, neigen zur Chronifizierung, die schon nach drei bis sechs Monaten einsetzt. Dies ist auch darin begründet, dass die unterschiedlichen Faktoren nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Die somatischen Beschwerden sind häufig durch orthopädische Symptome verursacht. Bei den psychischen Faktoren sind zahlreiche psychische Krankheitsbilder einschließlich der Suchterkrankungen Ursache für die Entstehung der chronischen Schmerzen.

Überschneidung von Suchterkrankungen und orthopädischen Erkrankungen

Auf den ersten Blick haben Suchterkrankungen und orthopädische Leiden wenig miteinander zu tun. Bei näherer Betrachtung ergeben sich jedoch gerade für diese Störungen mit der größten rehabilitationsmedizinischen Relevanz auffällige Gemeinsamkeiten, die nahe legen, bei der Rehabilitation von Suchterkrankungen und orthopädischen Leiden nach Synergieeffekten zu suchen. So sind sowohl Suchterkrankungen wie auch orthopädische Leiden sehr häufige Störungen, die nicht selten gleichzeitig auftreten. Weiter geht es in beiden Bereichen in der Rehabilitation vor allem darum, der Chronifizierung einer akuten Symptomatik vorzubeugen. Nicht selten liegen der Chronifizierung beider Bereiche zudem ähnliche biologische, psychische und soziale Gegebenheiten zugrunde.

Spezialisiertes Behandlungskonzept

Patienten, die neben einer Suchterkrankung gleichzeitig unter chronischen orthopädischen Schmerzen leiden, stellen eine besondere Patientengruppe dar. Das Ziel einer zufriedenen Abstinenz ist definiert, jedoch verhindern dauerhafte Schmerzen häufig die Bewältigung des Alltags. Im System der medizinischen Rehabilitation findet diese Patientengruppe kaum entsprechende Therapieangebote, die das gesamte Störungsbild berücksichtigen. Orthopädischen Rehabilitationskliniken fehlt es häufig an erforderlichen Behandlungsstrukturen und -konzepten, um eine Suchterkrankung mit zu behandeln. Wird jedoch die Suchterkrankung nicht adäquat mittherapiert, limitiert dies zwangsläufig die Erfolgswahrscheinlichkeit der Rehabilitation für eine dauerhafte abstinente Lebensweise. Aufgrund der Komplexität dieses Krankheitsbildes ist eine differenzierte, multiprofessionelle Therapie erforderlich. Neben Ärzten aus den Bereichen Psychiatrie und Orthopädie sind insbesondere MitarbeiterInnen aus den Bereichen der Psychologie, der Suchttherapie, der Sport- und Physiotherapie, der Sozialarbeit, der Ergotherapie und der Krankenpflege Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. An unserem Standort in Bad Essen in der Paracelsus-Wiehengebirgsklinik begegnen wir genau diesem Defizit im Versorgungsangebot mit einem multimodalen Konzept und bietet mit einem integrierten suchtmedizinischen und orthopädischen Rehabilitationskonzept, kurz ISOR, gezielt Hilfe. Die Therapie chronischer Schmerzen ist durch eine zusätzliche orthopädische Ausrichtung gleichzeitig zur Suchtbehandlung im Therapieangebot integriert. Auch wenn die Schmerzsymptomatik nicht in allen Fällen vollständig remittiert, so kommt es doch häufig zu einer deutlichen Reduktion der Symptomatik, die von den Betroffenen als Erleichterung empfunden wird. Hinsichtlich der Suchterkrankung bedeutet dies, dass eine zufriedenere Abstinenz erreicht werden kann.

Durch eine fachärztlich-orthopädische Diagnostik und Therapie sowie durch die Schaffung spezieller orthopädischer Trainingsmöglichkeiten kann in der Paracelsus-Wiehengebirgsklinik gezielt auf diese individuellen Behandlungsbedürfnisse der Patientinnen und Patienten eingegangen werden, sodass neben der Suchterkrankung bestehende chronische orthopädische Schmerzsyndrome zusätzlich behandelt werden. Das multimodale Therapiekonzept für die Betroffenen setzt sich aus unterschiedlichen Behandlungsbausteinen zusammen. Gruppenpsychotherapie und Einzelgespräche bilden eine Säule der Therapie. Hinzu kommen unter anderem Bewegungstherapie mit physikalischer Therapie und Funktionstraining, Ergotherapie oder auch Psychoedukation in Form eines Schmerzcurriculums. Zu den behandelbaren chronischen Schmerzsyndromen zählen neben Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens, Arthrose und auch chronische Schmerzstörungen mit psychischen und somatischen Faktoren.

Vorrangig geht es in der Therapie neben der Gestaltung einer dauerhaft abstinenten Lebensweise um die Wiederherstellung bzw. Besserung der körperlichen und kognitiven Funktionen oder um die selbstständige, eigenverantwortliche und aktive Bewältigung des persönlichen Alltags. „Neben einer Suchtrehabilitation mit einem anerkannten Therapiekonzept fokussieren wir uns bei den orthopädischen Beschwerden vorrangig auf eine Erhöhung der körperlichen und psychischen Aktivität unserer Patienten mit Hilfe von Funktionstraining oder speziellen Trainingsprogrammen in der Ergotherapie. Wir wollen chronifizierende Verarbeitungsmuster aufbrechen, Bewegung vermeidendes Verhalten verhindern und die Lebensqualität unserer Patientinnen und Patienten langfristig erhöhen. Voraussetzung und Grundlage dafür ist die Gestaltung einer dauerhaft abstinenten Lebensweise“, so Dr. Egbert Herrmann, Chefarzt der Klinik.