SehnSuchtblog
15. März 2022

Jede Suchterkrankung hat ihre eigene Geschichte

“Süchtig nach Leben” – Jeder Weg in eine Abhängigkeit ist vielschichtig, facettenreich, sehr persönlich und individuell. Mit diesem SehnSuchtblog möchten wir die persönlichen Geschichten dahinter beleuchten, Suchttherapie-Möglichkeiten aufzeigen, bestärken, den Weg aus der Sucht zu gehen und Lebenslust versprühen. Denn: Das Leben ist schön, sogar wunderschön. Und zu schön, um es vom Suchtmittel beherrschen zu lassen.


Jede Suchterkrankungen hat ihre eigene Geschichte

Warum wird jemand süchtig? Eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Eins ist aber klar: Es kann jeden treffen! Ob jung oder alt. Ob Lehrer, Studentin, Vollblutmanager, Polizistin, Ärztin oder Akademiker, Krankenpflegerin oder Erzieher. Die Gründe für die Entstehung einer Sucht sind vielschichtig und individuell. Unterschiedliche Faktoren, wie das soziale Umfeld, biologische Ursachen oder psychologische Faktoren beeinflussen beispielsweise die Entwicklung einer Abhängigkeit. Wie vielschichtig eine Suchtentwicklung tatsächlich ist, zeigen die sehr persönlichen Entwicklungsgeschichten unserer Patientinnen und Patienten, die bei uns zur Suchttherapie in Bad Essen waren.

Ich habe immer aus Lust getrunken!

Für Herrn V. war sein soziales Umfeld ein Grund für seine Suchtentwicklung: „Ich habe immer aus Lust getrunken, es hat einfach geschmeckt. Gedanken habe ich mir keine gemacht. Zu Hause pflegte meine Mutter einen höheren Alkoholkonsum, um ihre Traurigkeit zu unterdrücken. Sie war alleinerziehende Mutter von vier Kindern – ich war der Jüngste. Mein Vater war im Krieg gefallen. Den Vater habe ich in meiner Kindheit sehr vermisst“, erklärt Herr V. seine ersten Berührungspunkte mit dem Suchtmittel. Während seiner Lehre zum Bäcker wurde er schließlich immer mehr an den Alkohol herangeführt. Besuche von Feierlichkeiten wie Polterabende waren während seiner Lehre keine Seltenheit. Hier war der Chef sein größtes Vorbild. Schließlich habe er jeden Tag getrunken und ist sogar betrunken Auto gefahren. Rückblickend sicherlich mit dem ein oder anderen Schutzengel an seiner Seite.

Beruhigende Wirkung des Alkohols

Psychologische Faktoren spielten unter anderem bei Herrn K. eine Rolle: „Ich bin gelernter Tischler, habe studiert und 15 Jahre Berufserfahrung. Damals zählte nur eins: Geld verdienen! Mein Job hat mit dazu beigetragen, dass ich in Bad Essen gelandet bin.“ Zum Stressabbau am Ende des Tages gab es hin und wieder ein Gläschen. Mit der Zeit entwickelte sich die Alltagssituation „Feierabend“ zu einer Situation, die mit Konsum verbunden wurde. Eine unbewusste Konditionierung setzte ein. Insbesondere bei den psychologischen Faktoren spielt die angenehme, anregende oder auch entspannende und beruhigende Wirkung des Suchtmittels eine entscheidende Rolle. Die Wirkung wird mit dem Konsum positiv verknüpft und das Verlangen entsteht, diesen Zustand möglichst langen zu erhalten. Im Fall von Herrn K kam erst mit Antritt seiner Suchttherapie bei uns in Bad Essen die Erkenntnis, nur zusammen mit einer notwendigen räumlichen und beruflichen Neuorientierung eine zufriedene Abstinenz erreichen zu können.

Ich, niemand anderes, hatte es in der Hand!

Vielfach können Betroffene aber auch keinen festen Zeitpunkt oder eine Ursache für ihre Suchtentwicklung nennen. Es passiert schleichend und wird oft unbemerkt zu einem Teil des Lebens. So ging es Frau S. Sie berichtet, dass sie für sich keinen festen oder konkreten Zeitpunkt in ihrem Leben ausmachen könne, an dem sie sich bewusst für den Alkohol entschieden habe. „Es gab nicht diesen Moment „So! Heute ist der Tag, an dem ich zur Alkoholikerin werde!“, nein. Doch es gab eine Menge bewusster Entscheidungen auf dem Weg dorthin. Nämlich jedes Mal, wenn ich mir die Flasche an den Hals gehalten habe”, gibt Frau S. offen während ihrer Suchttherapie zu. Um zu konsumieren hätte sie keine Hilfe gebraucht. Das habe sie immer alleine geschafft. Das Entscheidende sei, dass sie wusste, was sie tat. Es war immer eine bewusste Entscheidung für den Konsum. „Ich, niemand anderes, hatte es in der Hand.“

Der innere Schweinhund

Im Teufelskreis von Amphetaminen, Cannabis, Ketamin und später auch LSD geriet Herr W. schon mit Anfang 20. Bei ihm spielten die biologischen Faktoren mit der körperlichen Gewöhnung eine große Rolle. Hinzu kamen immer wiederkehrende depressive Schübe. Rückblickend stellt er fest: „Bei mir ergab sich mit den leistungssteigernden Mittelchen ein Teufelskreis: Ich nehme mehr zu mir, damit ich mehr arbeiten kann und mit dem mehr verdienten Geld kann ich wieder mehr Mittel wie zum Beispiel Amphetamine einkaufen.“ Inzwischen sei „der innere Schweinhund, der mich verführen will“ komplett verschwunden.

Vielschichtig, facettenreich, persönlich und sehr individuell – jeder Weg in die Abhängigkeit, bei jeder und jedem einzelnen Betroffenen.