28. September 2022

Krebs ist nicht zwingend ein Todesurteil

“Ich hab noch Leben” – Mit diesem authentischen Blog zum Thema Krebs, teilweise von Patientinnen und Patienten selbst aufgeschrieben, möchten wir Mut machen und verschiedene Wege zurück ins Leben aufzeigen. Denn eines haben wir von den Betroffenen gelernt: Das Leben ist immer lebenswert.

Diese Geschichte ist eine von vielen unserer onkologischen Patientinnen und Patienten. Weitere Geschichten haben wir hier im Menü für Sie verlinkt. Schauen Sie rein. Jede einzelne geht ans Herz!


Franziska Reinhardt, 51 Jahre, Brustkrebs  

Zu ihrem 50sten Geburtstag bekommt Franziska Reinhardt eine Einladung zum Brustkrebs-Screening. Sie sagt zu und geht am 9. Februar 2021 in Köln zur Mammographie. Für sie ein normaler Vorsorge-Termin, wie viele vorher schon. Ab dann aber – es wäre der 111te Geburtstag ihrer Großmutter gewesen – ist nichts mehr wie vorher. Die Biopsie am 16. Februar ist eindeutig: Sie hat Brustkrebs, in der linken Brust ist ein 1,1 Zentimeter großer Tumor. „Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich es für wahrscheinlicher halte, dass der Tumor bösartig ist, als dass er es nicht ist.“ sagt die Ärztin an diesem Tag zu ihr. Franziska Reinhardt braucht einige Sekunden, um das zu begreifen. Ihr steigen die Tränen in die Augen. Krebs ist eine Katastrophe, das hat sie gelernt. Vor ziemlich genau 25 Jahren ist ihre Mutter an einem Bronchialkarzinom gestorben. Für ihre ältere Schwester und sie war das ein Albtraum, damals. Auch jetzt. Nur noch ein Gedanke geistert durch ihren Kopf: „Und mir soll es jetzt genauso ergehen?“ Die Diagnose trifft sie unvorbereitet. Sie, die eher wenig auf sich zukommen lässt, die plant, die stets in Lösungen denkt, die wenig schockt und mit Chaos, Hindernissen, Unvorbereitetem gut umgehen kann.

Noch im Arztzimmer kommen Mut und Tatkraft zurück. Die Ärztin findet die entscheidenden Worte: „Sie habe jetzt ein paar schwere Monate, aber sie kommen da durch“. Sie beginnt ihr Schicksal zu akzeptieren und macht das Beste aus einer Zeit mit OPs, Chemotherapie und Bestrahlungen. Gut anderthalb Jahre später treffen wir sie, Franziska Reinhardt, Journalistin, Filmemacherin, (Unterwasser-)Fotografin, Künstlerin und Taucherin mit Leib und Seele. Es geht ihr gut, sie fühlt sich gesund, arbeitet wieder, oft auch schon wieder zu viel. „Es gibt Momente, da kann ich nicht glauben, wie fit ich wieder bin. Nach allem was war … Das ist unfassbar. Alles ein bisschen wackliger, aber es läuft“.

Seit Februar 2021 hat sie viel durchgemacht. Im Gespräch über diese Zeit beschönigt sie nichts. Immer wieder sagt sie, ohne ihre Schwester, ihre Familie, ihre Freundinnen, ihre Freunde, ihre Nachbarn, ihre Ärztinnen und Ärzte, ohne ihre Chemoambulanz- und Reha-Gruppen, ohne jeden Einzelnen dieser ganz besonderen Menschen, die für sie da waren, hätte sie es nicht geschafft. Nicht so auf jeden Fall.

Nach der Diagnose ging es Schlag auf Schlag. Am 2. März 2021 die erste OP im Sana Klinikum Offenbach, ab 9. April in Köln-Hohenlind über insgesamt 13 Wochen Chemotherapie und ab Juli dann die Bestrahlungen bei Dr. Christiana Lütter, einer bemerkenswert sympathischen und emphatischen Radiologin, Im September geht Franziska Reinhardt für drei Wochen in die Rehaklinik in Scheidegg.  Als alte Frau, so sagt sie, kommt sie dort an. Die Zeit im Allgäu hilft ihr, keinen Tag dort möchte sie missen. Körperlich wird sie dort wieder aufgebaut, kehrt deutlich fitter in ihre Heimatstadt zurück. Im Gepäck ein Herzensprojekt: Ein Film über ihre Geschichte und über die Menschen, die in Scheidegg ihre Freunde geworden sind. Die Gruppe von der Dachterrasse, mit der sie gelacht, gefachsimpelt und auch über Unangenehmes gesprochen hat. Über das Leben, mit und ohne Krebs. Fast fertig gedreht ist er, der Film. Er beschreibt Wege, Wege mit Krebs. Ganz unterschiedliche. Über ihren Weg, Ihren Motor, ihre Motivation, auf ihre besondere Art mit ihrer Brustkrebserkrankung umzugehen, haben wir sie befragt:

Wie geht es Ihnen?

Franziska Reinhardt: Mir geht’s gut. Ich war gerade in Alkmaar. Zu einem Dreh mit Björn Freitag, dem Sternekoch für „Björn Freitag kocht grenzenlos köstlich.“

Wir wollten gerne etwas über Ihren Umgang mit ihrer Brustkrebserkrankung erfahren. Was war aus heutiger Sicht für Sie das Wichtigste?

Franziska Reinhardt: Ich habe an meinem letzten Chemo-Tag mit der Ärztin ein Gespräch geführt und sie dabei gefragt, ob sie sich noch an meinen ersten Tag erinnern kann.  „Ja,“ hat sie gesagt, daran könne sie sich gut erinnern, vor allem daran, dass ich gesagt habe: „Sie können alles mit mir machen, Hauptsache, ich kann hinterher tauchen.“

Dieser Wunsch, wieder tauchen zu können, hat mich durch meine Krankheit begleitet. Mir ging es immer darum, alles dafür zu tun. Tauchen ist das Schönste in meinem Leben und ich brenne dafür.

Ich neige aber auch dazu, sämtliche Katastrophen dieser Erde, die mir begegnen könnten, zu durchdenken. Sogar diese Frage habe ich mir ernsthaft gestellt: Was suchst Du dir, wenn Du nicht mehr tauchen kannst? Ich bin immer gerne vorbereitet, werde ungern von den Dingen überrollt.  Ich mache mir vorher Gedanken, auch um handlungsfähig zu sein. Deswegen überlege ich jetzt schon: „Was machst Du, wenn du wieder Krebs kriegst?“ Ohne dass ich dabei in Panik verfalle. Aber natürlich hoffe ich, dass er nicht wiederkommt.

Wie halten Sie das aus?

Franziska Reinhardt: Das war schon immer meine Haltung, das hat gar nicht mal unbedingt etwas mit Krebs zu tun. Also Dinge zu durchdenken, um den besten Weg zu finden. Das habe ich immer schon gemacht. Das hat auch mit meiner beruflichen Entwicklung zu tun. Ich war mehrfach Redaktionsleiterin und musste praktisch immer schon kommen sehen, wenn irgendwo etwas geklemmt hat. Ich habe wohl dieses ganz besondere Gen für Fehler oder für Schwierigkeiten. Ein Bauchgefühl, das meistens auch stimmt. Deshalb bin oft schon gut vorbereitet, denke an Lösungen. Manchmal bin ich dabei auch zu pessimistisch.

Das ist eine besondere Gabe, die Umwandlung von Schwierigkeiten in Lösungen, in Zuversicht. Wie machen sie das?

Franziska Reinhardt: Ich denke immer: Da muss es doch auch etwas Positives geben und überlege meist schnell: Was kann ich daraus machen?“ Ich will nicht ohne Lösungen nach Hause kommen. Egal, wie schlecht es läuft, sage ich mir, es muss eine Lösung geben! Das hört sich jetzt alles so einfach an. Ich hatte auch schlechte Tage. Mir fällt auch alles aus dem Gesicht, wenn irgendwas nicht klappt, aber ich kann insgesamt gut mit den Dingen umgehen, die nicht rund laufen. Das war, glaube ich, schon immer so.

Wie war das zu Beginn ihrer Erkrankung?

Franziska Reinhardt: Die Biopsie war am 16. Februar letztes Jahr. Ich habe damals zu der Ärztin gesagt: „Ich will Sie nicht dazu verführen, dass Sie sich jetzt hier in Spekulationen ergehen.“ Daraufhin guckte mich die Ärztin sehr ernst an und sagte den für mich nach wie vor verwirrenden Satz: „Nein, wir sprechen darüber. Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich es für wahrscheinlicher halte, dass es bösartig ist, als dass es das nicht ist.“ Der Satz war genauso. Und ich dachte nur „Hä? Was ist das jetzt hier?“ Und gesagt habe ich: “Ich kann das Wort „Krebs“ schon nicht leiden!“ Verstanden habe ich das alles in dem Augenblick nicht richtig, aber nach einem kurzen Moment habe ich mir gesagt „Okay, dann müssen wir jetzt mal gucken, wie wir da durchkommen.“ Und dann hatte ich das große Glück, dass mir eine Freundin eine klasse Operateurin – Dr. Uta Schindelin – mit den Worten „Ich schicke Dich zu jemanden, die macht das nicht nur gut, sie macht das auch noch schön“, empfohlen hat. Ich habe ihr zwar damals geantwortet, dass mir das eigentlich egal ist. Aber hinterher war ich natürlich froh. Diese Freundin hat mich die ganze Zeit „durchbetreut“. Mir alles geduldig erklärt. Ich wollte meine Situation ganz genau begreifen. Sie war eine unglaubliche Hilfe. Dr. Bianca Beutel, allerbesten Dank!

„Meine dunkelsten Stunden hatte ich wegen Spekulationen, die sich nicht bewahrheitet haben.“

Mit der Wahrheit kann ich nämlich einigermaßen gut umgehen. Mit wüsten Spekulationen weniger. Auch die hat es vereinzelt auf meinem Behandlungs-Weg gegeben.  Das sagen übrigens viele meiner Mit-Patienten. Beschönigen soll man nichts, aber auch nicht spekulativ nur den unteren Rand der Möglichkeiten aufzeigen. Wir Patienten brauchen alle Kraft für Lebensmut und Optimismus. Meine dunkelsten Stunden hatte ich wegen Spekulationen, die sich nicht bewahrheitet haben. Ich verstehe, dass Ärzte nicht mit jedem Patienten bis zum Äußersten mitleiden können, aber der ein oder andere könnte sich durchaus mal versuchen vorzustellen:“ Was, wenn ich das wäre…“ Allerdings sind das zum Glück Einzelfälle.

Ich bin in Offenbach am 2. März operiert worden. Davor waren die staging-Untersuchungen, die ich am allerschlimmsten fand. Das sind die übelsten Momente gewesen, weil man weiß, man hat Krebs. Und jetzt gucken die, was noch alles da ist. Ich habe bei einem Freund übernachtet, hatte viele nette Menschen um mich, die mich bekocht haben und alles unternommen haben, um mich abzulenken. Einer meiner ältesten Freunde hat mich immer wieder morgens um 5 Uhr abgeholt und ins Krankenhaus gebracht, wenn etwas anstand. Das war unglaublich wichtig für mich.

„Es klingt vielleicht merkwürdig, aber mir war bis dahin gar nicht klar, wie wichtig mir mein Leben ist.“

Diese Phase, das war mit das tiefste Tal. Zwischen den beiden staging-Untersuchungen habe ich mich selbst kaum wiedererkannt. Keine Lösungsansätze. Nur die nackte Panik. Ich konnte mich nur schwer zusammenreißen. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber mir war bis dahin gar nicht klar, wie wichtig mir mein Leben ist.

Bis dahin konnte ich mit der Diagnose gut umgehen, weil ich gedacht habe, es gibt Lösungen. Doch in dem Augenblick war die Ohnmacht stärker, weil ich nicht wusste, was kommt. Und weil der Gedanke an das Ende da war, für dass ich keine Lösung hatte. Aus heutiger Sicht denke ich, man braucht auch dafür einen Plan. Es ist ja für uns alle unausweichlich. Aber jeder hofft natürlich, dass er friedvoll im hohen Alter stirbt.

Wie ging es weiter?

Franziska Reinhardt: Mit der Chemotherapie in Köln. Dort habe ich mich am Ende mit den Worten verabschiedet, dass ich gerne dorthin gegangen bin. Alle, besonders die Schwestern, waren sehr freundlich, warmherzig, sympathisch und auch unterhaltsam. Chemo ist nicht immer dieser Horror, den man sich ausmalt. Das erste Mal, wenn Du sie liest, die „25 Arten, aus Versehen unter einer Chemo zu versterben“ – so nenne ich den „Beipackzettel“ spaßeshalber – bist du schon sehr ängstlich. Du starrst die Flüssigkeit an, wenn sie in dich reinläuft und denkst „Na ja, mal sehen, was jetzt passiert…“ Ich habe mich vorher erkundigt, habe gefragt, was alles passieren kann. Prompt bin ich das erste Mal bei der Antikörper-Spritze umgefallen, aber weil ich vorbereitet war und es ankündigen konnte, ist nichts passiert. Ab dann habe ich die Antikörper einfach im Liegen bekommen.

„Jeder sollte eine Anke haben“. Eine Art persönlicher Pate.

Eine Freundin war genau ein Jahr früher dran als ich mit ihrem Brustkrebs. Sie hat mich immer auf alles vorbereitet, was da passieren kann. Sie hat das ganze aus ihrer Patientenerfahrung heraus begleitet. Das hat so sehr geholfen, dass ich denke: „Jeder sollte eine Anke haben“. Eine Art persönlicher Pate. Mal überlegen, ob man da nicht ein ehrenamtliches System aufbauen könnte. Ergänzend zu den diversen Unterstützungsangeboten wie z.B. von Brustkrebs Deutschland e.V. Ich wäre dabei.

Haben Sie Tipps im Umgang mit der Krankheit?

Franziska Reinhardt: Als erstes hilft es vielleicht, sich klarzumachen: Krebs 2022 ist nicht mehr dasselbe wie vor 25 Jahren. Es hat sich wahnsinnig viel geändert. Alles ist viel professioneller geworden. Tumorboards (fachübergreifende Konferenzen), Portkatheter, diverse Erleichterungen bei der Chemotherapie. Ich kann das gut vergleichen, weil meine Mutter ja damals 1994 an Krebs gestorben ist. Natürlich ist das Bronchialkarzinom nicht mit meinem Brustkrebs zu vergleichen, aber meiner Mutter und deren Mit-Patientinnen war z.B. während der Chemo noch pausenlos schlecht. (Natürlich gibt es da auch unterschiedliche Härtegrade, aber vom Gesamteindruck her) Bei meinen Freunden und mir, war das in dem Ausmaß nicht der Fall. Man versucht heute sehr darauf zu achten, wie man das Befinden der Patienten verbessern kann. Heute wird die Krankheit viel routinierter behandelt. Zumindest wirkt es so. Natürlich hat man aber auch inzwischen viel mehr Möglichkeiten, das zu tun.

Krebs ist nicht zwingend ein Todesurteil. Das ist auch eine der Motivationen für meinen Film gewesen. Wir wissen, jede achte Frau hat heute Brustkrebs. Also nach Adam Riese müssten wir doch jeder ganz viele Frauen kennen. Man kennt aber nur Wenige, immer noch wird mit der Krankheit nicht offen umgegangen. Sie wird zwar präsenter in den Medien, aber die Betroffenen bleiben oft still.

Ich glaube, dass wir uns untereinander mit einem offeneren Umgang besser unterstützen könnten. Allerdings verstehe ich auch, dass es für manche Menschen nicht so leicht ist. Gerade mit schweren Diagnosen und schlechteren Aussichten. Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Es gibt viele Varianten. Und: Die schlechteren Prognosen gibt es natürlich auch, und die sollte man nicht verschweigen. Es sterben immer noch zu viele daran. Gerade die Menschen, die nach heutigem Stand „unheilbar“ erkrankt sind, brauchen unsere Unterstützung.

Erstens, Krebs ist nicht mehr dasselbe. Das zweite, was mir dazu einfällt, und es klingt vermutlich befremdlich: Die Krankheit gibt einem Zeit, über sich selbst nachzudenken. Zur Ruhe zu kommen, mal seine Position zu justieren. Vielleicht auch die Lebensverhältnisse dadurch zu verbessern. Also mal gucken, wo man steht.

Dann würde ich mir – und das ist vielleicht schon Tipp Nummer drei – auf jeden Fall Hilfe suchen. Leute einbinden! Ich habe das gemacht. Dabei war es gut, dass ich nicht alles auf eine Schulter gepackt habe, sondern viele verschiedenen Menschen beteiligt habe. Und hilfreich ist auch, sich Gruppen zu suchen. Ich hatte viel Glück mit meiner Reha Gruppe. Die war und ist einfach toll! Auch in der Chemotherapie waren wir eine gute Gruppe, in der man sich ausgezeichnet austauschen konnte.

Wichtig ist auch Aufklären, Informieren, aber auch Relativieren. Krebs wirkt oft wie ein Gespenst. Das Bittere ist, dass es ständig wechselt. Nichts ist sicher. Es mäandert. Was gestern noch gut war, gilt heute nicht mehr. Und, du bist gefordert. Du kriegst Fragen gestellt wie: „Nachoperieren oder nicht?“ „Was soll ich dazu sagen?“ möchte man antworten. Und dann habe ich eben mich informiert. Das ist halt das Ding. Du bist Du. Und um Dich geht es. Richte Dich darauf ein, dass Du gefragt bist mit Deiner Meinung. Das ist wichtig. Auf der anderen Seite kenne ich andere Leute, die sich auch gar nicht darum kümmern. Es gar nicht so genau wissen wollen. Die gibt es auch. Dann wird man durch die Krankheit geführt. Dann nehmen die Ärzte Dich unter den Arm. Aber es schadet nicht, selbst Bescheid zu wissen, würde ich sagen. Wenn Du Krebs hast, ist es nicht einfach mit Problemlösungen. Irgendwie müssen auch die Ärzte die Lösung finden. Und auch abwägen: Ist das jetzt richtig oder besser so? Es gibt klare Leitlinien und da halten sich sicher auch alle dran. Aber manches ist eben auch eine Abwägungsfrage, bei der Deine Meinung gefragt ist. Das hat mich tatsächlich überrascht.

Zu den einfacheren Entscheidungen gehörte für mich die Frage: Reha oder nicht? Ich bin froh, dort gewesen zu sein. Sie hat mir wirklich gutgetan.

Was war das Besondere an der Reha? 

Franziska Reinhardt:  Die Lage ist fantastisch. Es gab viele unterschiedliche Angebote und alle haben sehr darauf geachtet, dass man die Leute fordert, aber nicht überfordert. Das haben die dort echt gut gemacht. Und die Stimmung war gut. Das hatte ich von einer onkologischen Reha tatsächlich so nicht erwartet. Ich hatte mir vorher kurz überlegt, vielleicht „mischst“ Du lieber mit ein paar Bandscheibenvorfällen, o.ä.- da ist die Stimmung sicher besser. Im Nachhinein war es gerade so gut wie es war. In Scheidegg gibt es den Schwerpunkt Sport und ich finde, das ist entscheidend, denn so können sie Dich wieder fit machen. Ich bin damit wieder ins Leben zurückgekommen. Innerhalb von drei Wochen hat sich mein Gesamtzustand um 400 Prozent verbessert.

Die Gegend ist so schön: Meine Schwester hat mich tatsächlich jedes Wochenende besucht und mich die Berge der Umgebung „hochgeschleppt“. Sie hätte mich allerdings wohl an jedem Ort dieser Erde besucht. Aber Scheidegg war natürlich besonders schön.

Und, ich habe dort noch andere wunderbare Menschen kennengelernt. Das ging anfangs ein bisschen hin und her, weil noch jemand abreiste und jemand dazukam. Aber am Ende waren wir ein relativ fester Kern – die auf der Dachterrasse.

Wir haben viel draußen gesessen und haben uns ein bisschen wie auf Klassenfahrt gefühlt; sind abends in ein kleines Restaurant um die Ecke gepilgert, immer im Bewusstsein, dass vor allem die Ernährungsberaterin das vermutlich nicht so gut findet. Diese Dachterrasse war der Meeting Point. Da ging man hin, wenn man mal eine Pause hatte oder nach dem Essen. Wir haben uns viel unterhalten, ausgetauscht, unterstützt, waren füreinander da und haben uns verabredet. Abends gab es z.B. Kino, wir haben dann abgemacht, wer Popcorn kauft und so.

Das hatte schon so ein bisschen was von Klassenfahrt, aber auf einer anderen Ebene. Aus der Gruppe ist ein feste WhatsApp-Gruppe über Scheidegg hinaus entstanden. Wir sind Freunde geworden. Der Film handelt von uns.

Ja, und dann noch drei wichtige Dinge, die mir einfallen. Ich habe das Gefühl, viele Menschen verhalten sich so, als wenn man ihnen eine gezogene Handgranate in die Hand gibt, wenn das Wort Krebs fällt. Man will damit nichts zu tun haben, vielleicht vor Angst, dass man es selbst kriegen könnte, wenn man nur drüber spricht. Es ist den Menschen unangenehm. Nicht allen. Aber viele verhalten sich so, und ich glaube, wir müssen den Umgang mit Krebskranken normalisieren, weil es viel zu häufig vorkommt. Das würde allen helfen!

Ich wünsche mir außerdem von Herzen, dass die Forschung mehr gefördert wird, also dass noch mehr und schneller für die Behandlung von (Brust)krebs passiert. So wie mit dem Impfstoff gegen Corona. Gerade mit Blick auf Freunde, denen es nicht so gut geht, denke ich: Lasst Euch bitte was einfallen.

Und ganz wichtig ist mir: Ich habe gesehen, wie wahrscheinlich Krebs ist. Junge, fitte, und sogar schwangere Menschen trifft es auch. Auch Männer bekommen Brustkrebs. Fröhlich und scheinbar kerngesund. Geht alle zur Vorsorge, zur Früherkennung! Je früher desto besser kann die Krankheit behandelt, gestoppt werden. Ja, weiß man. Ja, hat man schon oft gehört. Aber man denkt nicht, dass es einen trifft. Tut es aber: Einfach so. Ich habe jetzt zu oft von alltäglichen Symptomen gehört, die dann doch Krebs waren: Ein „eingewachsenes Haar“ oder eine rote Stelle, sah aus wie Sonnenbrand. Ein kleiner Knubbel. Normal während der Periode. Vielleicht, aber, was, wenn nicht? Wenn so etwas auftaucht, dann sollte man nicht lange warten. Ich habe mich auch gern selbst gedrückt. Jetzt weiß ich, was ein paar Monate ausmachen können. Sie ändern alles. Ich habe genug Menschen getroffen, die drei, vier Monate „vertrödelt“ haben. Na ja, wir sind alle gut darin, uns unsere eigenen Ausreden zu schaffen. Man will es eben nicht wahrhaben, aber dieser Sache muss man sich stellen. Auch wenn Krebs so ist, wie er ist.

Und eins noch: Der Moment, das erste Mal wieder mit der Tauchausrüstung ins Meer zu springen, war unbezahlbar.

Ich danke Ihnen sehr!

Infos zum Film

„Ich bin mehr als meine Diagnose -Leben mit Krebs” – so lautet der Titel des Filmes, der in der RTL-Reihe „Die Alltagskämpfer“ gezeigt wird. Der Film wird in der Nacht vom 31.10.22 auf den 1.11. um 0:30 bei RTL ausgestrahlt.

Produziert wird er von der Firma solisTV mit Sitz in Berlin und Köln, mit der die Autorin schon viele Jahre immer wieder zusammenarbeitet.

Der Film dreht sich um eine Gruppe von Krebspatientinnen und einen Mann mit Krebs, die sich in der Paracelsus Klinik Scheidegg während der Reha kennengelernt haben und zu Freunden wurden.