Taubheitsgefühle nach krebsbedingter Operation.
24. November 2022

Wahrnehmungsorientierte Einzelbehandlung oder: Eine Brust ist doch zum Fühlen da

Brust-Operationen nach Krebs haben bei vielen Patientinnen weitreichende Auswirkungen auf das eigene Körperbild und die eigene Körperwahrnehmung. Oft werden bei der Operation sensible Nerven verletzt, was zu Ausfällen in der Sensibilität von Haut und Gewebe führt. Das heißt, dass betroffene Nerven während des Eingriffs in Mitleidenschaft gezogen werden. Hierbei kann es zu einem vollständigen oder teilweisen Sensibilitätsausfall an der bestimmten Körperstelle kommen. Patientinnen klagen in solchen Fällen über Empfindungsstörungen, dem sogenannten Taubheitsgefühl, am operierten Areal. Wenn der Bereich um die Narbe herum taub ist, kann dieses zu Irritationen in der Verarbeitung von Berührungsreizen und Eigenwahrnehmung führen: Die Hand fühlt die Brust aber die Brust fühlt nur unzureichend die Hand. Nicht selten liegt dieser Umstand auch mehrere Wochen, Monate und Jahre nach der Operation bei den Betroffenen vor.

Die onkologische Rehaklinik Paracelsus Klinik am See in Bad Gandersheim hat für dieses sehr persönliche Leid ein spezielles Behandlungsangebot geschaffen.

Taubheit und wohin sie führt

Je nach Operationsgeschehen können Taubheitsgefühle nicht nur die Brust betreffen, sondern auch die Schulter-Arm-Region, den Rücken oder den Bauch.

Auswirkungen von Empfindungsstörungen auf Patientinnen:

  • Angst vor dem Hinschauen und Sich-anschauen-lassen
  • Eigenberührungen werden als befremdlich und unangenehm erlebt
  • Angst vor Fremdberührungen
  • Störung des Körperbildes und des Körperschemas
  • Einbruch der Stimmung und des Selbstwertgefühls
  • Fremdheitsgefühl im eigenen Körper

Wahrnehmungsorientierte Einzelbehandlung

Das Behandlungsangebot in der Paracelsus Klinik am See nennt sich: wahrnehmungsorientierte Behandlung nach krebsbedingter Operation. Diese Einzelanwendung erfolgt in einer geschützten Atmosphäre – zwischen der Therapeutin und der Patientin. In der Behandlung stehe vor allem „das Erleben von Berührungen und Reizen“ im Vordergrund. Einfühlsam berühren die Therapeutinnen den gesamten Körper der Patientinnen. Was die eine Körperseite einerseits ungestört wahrnehmen und genießen kann, lässt sich andererseits auf die gleichzeitig berührte sensibilitätsgestörte Seite „übertragen“. Fühlt sich der Reiz auf der einen Seite angenehm an, so kann das Gehirn unter Wiederholung die positive Berührungserfahrung auch für die taube Seite abspeichern. „Ein Effekt aus der Hirnforschung: Das Gehirn hört nie auf zu lernen und sich auf Neues einzustellen“, verdeutlicht Ulrike Blum, Physiotherapeutin der Paracelsus Klinik am See in Bad Gandersheim und betont: „Die Lernfähigkeit des Gehirns ermöglicht trotz veränderter Sensibilität, die betroffenen Körperregionen wieder als ‚eigen‘ und ‚zugehörig‘ zu erkennen.“

Die Berührung und Reizsetzung während der Behandlung erfolgt mit den Händen und nutzt unter anderem Rhythmus, Vibration, Peelinghandschuh oder Öl.

Die Hauptziele der Behandlung:

  • Tonusregulation und Schmerzlinderung
  • Verbesserung der Wahrnehmungsverarbeitung zur Kompensation von gefühlsbeeinträchtigten und irritierten Körperregionen
  • Re-Integration von Brust-, ggf. auch Arm-, Schulter-, Bauch und Rückenbereiche ins Körperschema und Körperbild
  • Hilfestellung zur Eigenakzeptanz
  • Anbahnung akzeptierter Eigenberührung und Fremdberührung/Partnerberührung
  • Abbau von Vermeidungsstrategien in Bezug auf Körperberührungen

Die Behandlung wird in der Klinik am See überwiegend bei Brustkrebspatientinnen eingesetzt, sei es nach einer brusterhaltenden Operation oder nach Entfernung der gesamten Brust. Sie kann allerdings allen Betroffenen mit anhaltenden Taubheitsgefühlen nach einer Operation verordnet werden.